Anja Martin


Geschrieben habe ich schon als Kind – Fortsetzungsgeschichten von »Bonanza«, die mein Vater mir band.

Dann folgte das erste Buch. Es war handgeschrieben und ich verkaufte es einer Schulfreundin für 5 Mark.

Mein Traum war geboren: Ich wollte vom und mit dem Schreiben leben. Das tue ich seitdem – als Autorin, Journalistin und Fachfrau für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Das gesprochene Wort kam hinzu. Als ausgebildete Sprecherin bin ich mit szenischen Lesungen unterwegs auf Kleinkunstbühnen.

Kurzum: Sprache ist meine Leidenschaft.



weitere Infos und Kontakt:

www.anja-martin.eu


Veröffentlichungen:

 

Mann mit Hut - Skurrile Geschichten

(Illustrationen: Barbara Freundlieb)

Kid Verlag Bonn, Juni 2017, Preis: 13,80 €, ISBN 978-3-929386-74-5



Texte aus den Schreibwerkstatt-Treffen:

 

Einsichten

Eine herrliche Woche

 


Weitere Textproben:

 

 

Eine Vollmondliebe

 

Es passieren komische Dinge bei Vollmond. Menschen fangen an zu schlafwandeln, verwandeln sich in Wölfe oder sind einfach nur schlecht gelaunt. Das alles trifft auf Dr. Heit, einen Zahnarzt im Ruhestand, nicht zu, doch hat auch er eine besondere Vollmond-Marotte: Er versteckt das Gebiss seiner Frau. Glücklicherweise immer an derselben Stelle – in einer Schublade im Schuhschrank –, so dass seine Frau es schnell wieder findet. Gefragt, warum er das tue, erklärt Dr. Heit, er könne einfach keine Zähne mehr sehen. Jahrzehnte habe er von morgens bis abends Menschen in den Mund und auf ihre Zähne geschaut. Er sei es einfach satt. „Sie machen sich ja keinen Begriff davon, wie viele falsche Zähne es gibt“, echauffiert er sich. „Kronen, Brücken, Implantate! Da ist nichts mehr natürlich.“ Deshalb sei für ihn nur ein Mund ohne Zähne wirklich schön. Und was er überhaupt nicht nachvollziehen könne, so Dr. Heit, sei diese zur Manie gewordene Mode, sich die Zähne weißen und so richten zu lassen, dass ein Zahn dem anderen gleiche. Hollywood-Gebiss nennt er das. „Das glitzert wie schneebedeckte Alpengipfel in der aufgehenden Sonne.“ Zwar möge er glitzernde Alpengipfel, aber seiner Meinung nach gehören sie nicht in den Mund sondern ins Allgäu. Frau Heit ist da anderer Meinung. Sie hat sich ein solches Hollywoodgebiss anfertigen lassen – natürlich nicht von ihrem Mann. Um ihn jedoch nicht allzu oft dem Anblick ihres „kitschigen Alpenpanoramas“ (Originalton Dr. Heit) auszusetzen, hat sie sich das Lachen abgewöhnt. Das tut sie nur noch in Vollmondnächten.

 


Erfolgsgeschichte mit Tücken

 

Im Alphabet steht zwischen Aal und Ach das Aber ganz weit vorn. Wohl fühlt es sich dort nicht. Das Ach macht sich dauernd Sorgen und der Aal ist ihm zu blöd. Er kann nicht einmal lesen und redet ständig vom Angeln. Das hat das Aber immer genervt. Und eines Tages, man weiß nicht genau wann, beschloss es, im Reich der Worte – ob gedacht, gesprochen oder gefühlt – König zu werden.

 

Einer muss es ja tun, sagte es. Und der Erfolg gibt ihm Recht.

 

Ohne Aber ist die Welt nicht mehr vorstellbar. Jeder Mensch hat mindestens eins. Wie ein Jagdhund folgt es allen Gedanken und Gefühlen. Die schönen hetzt es mit Skepsis, die guten mit Argwohn, die Freude mit Misstrauen, den Entschluss mit Befürchtung.

 

Das macht die Menschen müde und traurig – aber auch stolz. Das Aber, so sagen sie, zeichne sie aus als klug und verständig, als vernünftig und bedacht. Es sei ein Zeichen, so behaupten sie, für Intelligenz und Sensibilität.

 

Da lacht das Aber. Es hat sie alle in der Hand. Doch auf Dauer wird ihm das langweilig. Denn niemand wehrt sich. Nichts bewegt sich – nur der Aal am Angelhaken. Und leise, ganz leise seufzt das Aber: Ach!

 


Mann mit Hut

 

Ein Mann führte seinen Hut spazieren wie andere einen Hund. Der Hut mochte das nicht, denn er hatte so kurze Beine, dass die Krempe immerfort über den Boden schleifte. Genau genommen hatte er gar keine Beine, aber das durfte man ihm nicht sagen. Dann fing er nämlich an zu jammern, er sei zu nichts nutze: „Nicht einmal laufen kann ich. Selbst die hässlichste Promenadenmischung tut es mit mehr Eleganz als ich!“ Dieser Gedanke tat dem Hut besonders weh. Denn er war alles andere als eine hässliche Promenadenmischung. Er war ein echter Stetson. Nichts war bei seiner Entstehung einfach dem Zufall überlassen. Nur die edelsten Materialien waren verwendet worden. Und das Design war äußerst geschmackvoll. Nur sah man davon nicht mehr viel, denn die Ränder waren ausgefranst, die Unterseite abgewetzt und verschmutzt.

 

Er hatte aber auch wirklich Pech, der Hut, denn der Mann, der ihn ausführte, war ein passionierter Spaziergänger. Ständig und stundenlang ging er mit dem Hut Gassi. Im Grunde war ihm das lästig. Er wäre lieber ohne Hut gegangen. Aber er war ein Geschenk seiner Frau. Und wie hatte sie vor Freude gestrahlt, als sie ihm Weihnachten die Schachtel mit den Worten überreichte: „Für dich, mein Schatz. Dieser Hut wird dich auf deinen Spaziergängen vor Wind und Wetter schützen!“ Und seitdem nahm er ihn mit. Besonders beschützt fühlte er sich nicht. Aber er wollte auch nicht undankbar erscheinen.

 

Und die Frau? Sie war schon sehr überrascht, als sie ihn das erste Mal den Hut an die Leine nehmen sah. Und sie hatte den Impuls gespürt, ihm zu erklären, wozu ein Hut im Allgemeinen da sei und genutzt werde, es aber nicht übers Herz gebracht. So winkte sie ihm jedes Mal, wenn er mit dem Hut loszog, vom Fenster aus nach. Und er winkte zurück. Und der Hut gab sich Mühe mitzukommen.