Ellen Klandt


geboren 1950, nach 40 erfolgreichen und beglückenden Berufsjahren im Ruhestand, Mitglied der Schreibgruppe »Schattenspringer« in Bonn, verheiratet, zwei erwachsene Kinder.



Veröffentlichungen in: »Wir machen das – Leben mit Flüchtlingen«, Kid Verlag, Januar 2017

und: »Zwei schöne Fensterplätze in den Krieg - Die Geschichte eines Bonner Paares«, Kid Verlag, August 2017



Textprobe:

 

Kippfigur

(zum Bild »Das blaue Klavier - nach Else Lasker-Schüler« von Hetty Liebelt)

 

Der Mond ist ein Gesicht, das sich neigt, das staunt und schaut, so wie Else Lasker-Schüler staunte und schaute, ihr Leben lang.

Auf bunte Tasten schaut sie, die zackig aus dem Blau aufscheinen.

Bunt wie der gewebte Tibetteppich – so wie dieser sei das Leben, sei die Liebe: Stückwerk und doch verwoben. Hier die Tastatur so bunt, so wie Else sich kleidete, allerdings orientalisch, Prinz Jussuf war sie.

Die Ratten am Bildrand unten: possierlich, aber possierlich war nichts an Elses Leben, eher: rattig ~ und Gestank und Abgrund tauchen auch auf in den Gedichten ihres Liebhabers Gottfried Benn, der in Krebsbaracken praktizierte und eine Aster in das Blut des obduzierten Bierfahrers legte: Trink dich satt!

Kippfigur Else: jüdisch, verzweifelt, arm und: verwegen, verrückt. Wackelig ihr Lebensschiff, den biederen, reichen Herrn Lasker verließ sie, um mit dem durchgeknallten Vater ihres Sohnes … nicht zu leben. Um die Verleger anzubetteln, um Veröffentlichungen sie anzuflehen, um Geld zu bitten, immer wieder, sich zu erniedrigen, bitte! Bitte! Zu kriechen, bei den Ratten zu sein.

Du fällst, Else, fällst auf das Klavier zu wie ein verglühender Komet, du staunst, den Mund geöffnet. Oder fürchtest du dich? Vor dem Aufprall, dem Ende?

Else, in Jerusalem bist du gestorben, verarmt, vergessen, nichts mehr von deinem wunderbaren orientalischen Glanz. Nichts mehr von Jussuf und Flöte.

Ein Gesicht ist der Mond, schwebend im verschwommenen Himmel, der blau ist und das Klavier bunt.

Rot und grün und blau und bunt warst du und nicht geerdet, nirgendwo.