Kläre Kocyigit


geboren wurde ich 1936 in Köln. Als Kriegskind waren mir viele Möglichkeiten zu Schulbildung und beruflicher Karriere verwehrt. 1958 heiratete ich einen türkischen Studenten und zog mit ihm in die Türkei. Vier Jahre lebte ich dort und begann von der Türkei aus mit meiner Familie in Köln einen regen Briefwechsel. So begann meine Liebe zum Schreiben. Eine Biografie über mein Leben mit meinem Mann, der 2014 verstarb – wir waren 56 Jahre verheiratet – ist in Arbeit.

 

Bei den »Schattenspringern« war ich von der ersten Stunde an dabei.




Textproben:

 

 

Mein Weg in die Schreibwerkstatt

 

Es klingt wie ein Rückblick, obwohl wir noch nicht Silvester haben und uns das Jahr 2015 noch einiges zu bieten hat.

 

Die Schattenspringer haben sich jeden Monat getroffen und viele Texte ausgebrütet. Gute, sogar sehr gute Texte waren dabei, und bereits mehrmals in diesem Jahr hatten wir Gelegenheit, unsere mehr oder weniger spontanen Einfälle einem interessierten Hörerkreis vorzutragen.

 

Vor zehn Jahren, als die Schreibwerkstatt gegründet wurde, hatte ich mich, als ich davon hörte, gleich gemeldet und wollte damals über meinen Schatten springen und mitmachen.

 

Ich erinnere mich noch gut an die erste öffentliche Lesung. Ich war so aufgeregt, dass ich fast in Ohnmacht gefallen wäre. Bis dahin hatte ich nie Gelegenheit, vor so vielen fremden Menschen zu sprechen. Es war schrecklich, und obwohl alle so nett zu mir waren und mich lobten, nahm ich mir vor, nie wieder so etwas zu tun.

 

Doch mit der Zeit haben sich meine Nerven beruhigt und es macht mir nichts mehr aus, auch wenn ich mal wieder mit mir unzufrieden bin. Ich kann heute darüber lachen und will mich endlich mal bedanken – bei den Mitschreibern und bei dem Kunstverein.

 

Und den Text von damals, den will ich auch nicht verstecken:

 

Ein paar Verse von einer, die sich auf etwas einlässt und dann kalte Füße bekommt

(anlässlich der ersten Lesung der »Schattenspringer«)

 

Ich war zu der Zeit in der Türkei in unserem Ferienhaus und bekam die Nachricht von der Lesung von meiner Tochter per Telefon. »Bist du auch fleißig gewesen?«, fragte sie mich. »Ihr seid schon in der ›Rutsche‹ angekündigt!« Die »Rutsche« bzw. »Lichtrutsche« war ein Programmheft …

 

Na ja – und das kam dann schließlich heraus:

 

Es steht ja in der »Rutsche« schon:

Am Montag wird gelesen.

 

Ist es schon soweit?

Ach, ich hab noch Zeit.

Doch was soll ich denn nur lesen?

 

Ich hab so was noch nie gemacht.

Ich quälte mich die halbe Nacht.

Ich bin ein schwaches Wesen,

ich glaub, ich kann nichts lesen.

 

Der Schreck saß tief,

doch als ich träumte und schlief,

da konnte ich wunderbar lesen.

 

Und als ich wieder aufgewacht,

da hab ich mir gedacht,

das machst du nicht,

wenn deine Stimme bricht

beim Lesen?

 

Vielleicht bin ich am Sonntag krank

und Montag nicht genesen.

Dann bräuchte ich in jedem Fall

hier nicht vorzulesen.

 

Ich wünsch mir einen Stromausfall

oder eine andere Katastrophe.

Dann wär es das gewesen

und ich müsst nicht lesen.

 

Doch meine innere Stimme spricht:

Drück dich nicht

und fang schon an zu lesen!

 

Die Hand wird feucht,

zittert leicht.

Mein Herz macht poch.

Wo ist das Loch,

wo ich verschwinden könnt?

 

Doch Rettung naht, vorbei die Pein,

es sollen ja nur zwei Minuten sein.

Ich bin auch ein schlaues Wesen,

denn: die hab ich jetzt gelesen.


Abschied

 

Gestern haben sie dich abgeholt,

du gute, alte, blecherne Freundin.

Dein Name war Kadett, Opel Kadett.

Für mich warst du eine Kadettin.

 

Fast zwei Jahrzehnte hast du uns treu gedient.

Immer warst du bereit und bist willig angesprungen.

In den letzten Jahren wurdest du eine alte Dame.

Dein Äußeres zeigte leichte Dellen und Kratzer.

Und der Rost an den Problemzonen waren deine Altersflecken.

 

Zum Schluss littest du auch noch an Inkontinenz.

Die Spuren deiner Schwäche haben wir

anfangs diskret weggewischt.

Doch mit der Zeit wurde dein Problem immer größer.

Die Ölseen und Ölbäche konnten wir

auch mit Unterlagen nicht verhindern.

Dann kam der Infarkt, deine Lichtmaschine machte schlapp.

Du sagtest kein Wort mehr, du warst tot, mausetot!

 

Wir haben dich aus deiner Schlafbox Nr. 11 herausgeschoben.

Du wurdest mit einem Band

an einen kleinen dieselstinkenden Kollegen gebunden,

und ich durfte dich noch einmal aus der Tiefgarage lenken.

Das war das Letzte, was ich noch für dich tun konnte.

Oben auf der Straße stand der Abschleppwagen.

Der freche Dieselstinker mit seiner hässlichen Signalfarbe

kam auf die Ladefläche, und du arme, alte, graue Dame wurdest

mit den Vorderrädern auf ein Gestell gezurrt und hochgehoben,

so dass nur noch deine Hinterräder den Boden berührten.

Dann bekamst du noch zwei Magnetleuchten

an dein edles Hinterteil befestigt und wurdest verkabelt.

 

Auf solch demütigende Weise

hast du uns dann auf Nimmerwiedersehen verlassen.

Wir standen auf der Straße und winkten dir nach,

bis du in der Kurve unterhalb der Burg

aus unserem Blickwinkel verschwandest.

 

Ich war traurig, mir kamen die Tränen.

 

Schade, damals gab es für dich noch keine Abwrackprämie!


Paarweise

 

Ahmed, der Teppichhändler, sitzt wie jedes Jahr vor seinem Laden. Sein ehemals dunkles Haar ist im Laufe der drei Jahrzehnte weiß geworden. Als wir uns kennenlernten, war er jung verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Wenn wir uns sehen, gibt es immer eine große Begrüßung und wir trinken den obligatorischen Cay (Tee) oder einen türkischen Kaffee miteinander.

 

Die Geschäfte gingen gut, als noch die Skandinavier kamen. Nach den Mohamed-Karikaturen kommen zumindest die Dänen nicht mehr. Aber auch die Deutschen finden immer seltener seinen Laden, obwohl Ahmed wunderbar deutsch, finnisch, schwedisch und englisch spricht.

 

Sein Laden ist vollgestopft mit den wunderschönsten Teppichen und Brücken, die ihre Farb- und Strahlkraft erst richtig entfalten, wenn er seine Deckenbeleuchtung einschaltet. Dann ist jeder begeistert und verzaubert und nimmt schon mal eine Brücke mit In einer Ecke stehen die aufgerollten Bettvorleger im orientalischen Stil, die er nur paarweise verkauft. Es sind zwei kleine identische Brücken, die noch an den Kettfäden zusammenhängen.

 

Sein Laden liegt in der Hallo-Straße, die zum Hafen führt. Hallo-Straße, weil die Touristen von überall mit »Hallo«

begrüßt werden, denn jeder Geschäftsmann hofft auf ein gutes Geschäft, wenn die Touristen kommen.

 

So sitzen wir mal wieder mit Ahmed vor seinem Laden und schauen uns das Treiben auf dieser Straße an. Die Reisebusse werden oberhalb der Straße auf einen Parkplatz geleitet, und die Touristen kommen dann in größeren Pulks die Straße herunter. Ahmed schaut kurz in diese Richtung und sagt: »Das sind Deutsche.«

 

»Ach, woher willst du das wissen? Die sind noch zu weit weg. Wir können noch nicht hören, was sie sprechen.«

 

»Wetten, dass es Deutsche sind?« Ahmed streckt mir die Hand entgegen. Ich schlage ein.

 

»Aber sag mir, wieso bist du dir so sicher?«

 

»Das sieht man doch. Die laufen alle paarweise und halten sich an den Händen. Haben die deutschen Männer Angst, wir würden ihnen die Frauen stehlen?«, lacht er. »Händchenhalten machen nur die Deutschen«, so Ahmed.

 

Ich bin verblüfft und muss ihm Recht geben, habe das auch schon beobachtet. »Ich mach das aber nicht«, sage ich.

 

»Ja du, du hast ja auch einen türkischen Mann.«

 

Ich denke an Ahmeds Bettvorleger, die aufgerollt in seinem Laden stehen. Die paarweise darauf warten, gekauft zu werden, an Kett-fäden aneinander gebunden. Da höre ich eine bekannte Stimme. »Hallo, Klär!« Ich schaue mich um und sehe ein bekanntes deutsches Ehepaar winkend auf uns zukommen. Er ein großer, kräftiger Mann, sie eher klein und zierlich, sie reicht ihm gerade bis zur Schulter. Er hat sie an der Hand und führt sie wie ein kleines Kind, wie an unsichtbaren Kettfäden gebunden.

 

Es sah wirklich komisch aus.

 

Und die Wette hatte ich natürlich verloren.