Mainecoon


»Der Niederrheiner weiß nix, kann aba alles erklären«, wusste schon mein großes Vorbild Hanns Dieter Hüsch. Weshalb mein Deutschlehrer regelmäßig meine Klausuren um die Hälfte kürzte und den Rest auszeichnete. Das hat mich geprägt und aus mir einen Wandler zwischen Kultur, Technik und Forschung gemacht.

 

Privat versuche ich, den Gleichmut meines Katers zu erreichen und hin und wieder ein Foto aus der Kategorie »Kann man so lassen« zustande zu bringen.

 

Bei den Schattenspringern bin ich seit Frühjahr 2015.


Texte aus den Schreibwerkstatt-Treffen:

 

Brezn

Scheingefecht

Klavier

Was Kurzes

Lehrmeisterin Natur

(ohne Titel)

 


Weitere Textproben:

 

 

Das Papierschiffchen

 

Die Regentropfen hinterließen lange Schlieren auf der Fensterscheibe. Sie sah es mit Gleichgültigkeit, auch wenn die verhasste Arbeit des Fensterputzens dadurch wertlos geworden war. Ihr Blick fiel auf den Rücken eines Jungen. Er saß selbstvergessen am Bordsteinrand. Sein Stecken hielt ein Papierschiffchen in Schach, das dem Strom des Regenwassers in den Abfluss folgen wollte. Es war wie ein ungleicher Kampf. Jedes Ausbrechen des Schiffchens zu einer Seite beantwortete der Junge mit einer eleganten Gegenreaktion. Leicht, geradezu mühelos. Einem Stierkampf nicht unähnlich, nur ohne Blut.

 

Sie stand lange am Fenster und sah ihm zu. Dann drehte sie sich um, nahm das Telefonbuch zur Hand und suchte die Nummer eines Scheidungsanwaltes.


ärtH  DddDD Der Gipsabdruck

 

»Kommst du?«

 

Peter Halliway seufzte. Seit seine Frau Evelyn das Gießen von Kunstwerken für sich entdeckt hatte, musste er immer wieder als Modell herhalten, mal eine Hand, mal die Rückenpartie. Aber immer noch besser als die ewigen Streitereien um Kleinigkeiten in den letzten Jahren. Seit sie dieses neue Hobby hatte, war sie plötzlich wie ausgewechselt.

 

Der Dreiundsechzigjährige stieg die Kellertreppe herunter, wo ihn seine Frau schon erwartete. Strahlend hielt sie ihm einen Kittel entgegen, mit dem seine Kleidung vor Gips geschützt werden sollte. Ihr sorgfältig zurecht gemachtes Haar zeigte keine Spur von Grau. Man sah ihr ihre sechzig Jahre nicht an.

 

»Was soll es denn heute werden?«, fragte Peter und unterdrückte dabei nur mühsam seine Langeweile. Immerhin hatte er während des Modellsitzens meist ungestört die Gelegenheit, sich an die vergnüglichen Stunden mit Sara zu

erinnern, seiner verwitweten Kegelschwester.

 

»Ich möchte einen Abguss von deinem Kopf machen, aufgestützt auf beide Hände. Stell die Ellenbogen auf den Tisch.«

 

»Den Kopf?«

 

»Ja. Du hast eine ausgeprägte Physiognomie. Die Skulptur macht sich bestimmt gut am Fenster im Wintergarten.«

 

Schweigend machte sie sich an die Arbeit. Gipsbinden wurden in Streifen geschnitten, Zeitungspapier zum Schutz auf den Tisch gelegt. Dann nahm sie die Frischhaltefolie, um die Haut vor dem Gips zu schützen. Schnell, aber sorgfältig wickelte sie die an die Wangen angelegten Hände und den Kopf ihres Mannes ein, Schicht um Schicht, fester und fester. Als Peter unruhig wurde, fuhr Evelyn ihn harsch an: »Halt still, du ruinierst alles!« Energisch drückte sie den Aufstehenden auf den Stuhl zurück. Immer dicker wurde die Plastikschicht um Kopf und Oberkörper ihres Mannes. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie die nachlassende Spannung seiner Muskeln spürte.

 

Schnell tauchte sie die Gipsstreifen in Wasser ein und legte sie auf Peters Gesicht.

 

»Arme Sara. Der zweite tote Mann in ihrem Leben. Sie wird sich bestimmt über die Totenmaske freuen.«


Tunichtgut

 

Der alte Mann saß vor dem Haus. Ein Schmetterling, der sich in den Holzschuhen unter der Bank versteckt hatte, krabbelte langsam und steif von der nächtlichen Kälte ins Freie und verharrte aufgeklappt auf dem Spann in der Hoffnung, die Morgensonne würde seine Flügel trocknen und ihn wärmen. Admiral oder Kleiner Fuchs?, fragte sich der Alte. Er hatte sich die kleinen Unterschiede zwischen beiden nie wirklich einprägen können.

 

Er konnte mit dem kleinen Flieger fühlen, denn auch seine Glieder waren steif geworden. Die Kälte hier oben in den Bergen und die Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen. Aber er blickte zufrieden auf sein Leben. »Tunichtgut«, hatte ihn einst die Mutter gerufen. Wenn sie die feinen Betttücher und Tischdecken von der Pension gegenüber wusch und zusammen mit den wenigen eigenen Kleidungsstücke auf der lange Wäscheleine in der Sonne aufhängte, beobachtete sie ihn gerne dabei, wie er versonnen in der Wiese lag und zu den Wolken schaute. »Tunichtgut!« Doch von ihr klang es zärtlich, im Gegensatz zu dem verächtlichen Ausruf des Vaters, der nichts für Träumer übrig hatte. Bevor der Alte sich auf den Weg zur Alm begab, um dort den Sommer über das Vieh zu hüten und Käse für den Winter zu machen, trug er dem Sohn auf, der Mutter bei der schweren Wäsche zu helfen, durch die sie den häuslichen Geldbeutel mit ein paar Pfennigen füllte. Sie jedoch kannte ihren Sohn besser und schickte ihn ein ums andere Mal fort auf die Wiese zum Heuen oder in den Wald zum Holzsammeln, so dass er seinen Gedanken nachhängen konnte.

 

Er wurde ein Mann mit vielen Träumen, die er in der Stadt Stück für Stück verwirklichte und damit viel Geld verdiente. Für die Mutter kam es zu spät, sie starb bald, nachdem er weggegangen war. Dem Vater schuldete er nichts. Jahrzehnte später sehnte er sich zurück und kaufte sich im Heimatdorf ein Haus, das er mit viel Liebe renovierte. Er konnte es nur nie mit Liebe und Kinderlachen füllen. Die, die er gern bei sich gehabt hätte, hatte ihn traurig angelächelt: »Tunichtgut – tust mir nicht gut«, hatte sie gesagt. Da war er leise gegangen und dahin zurückgekehrt, wo er das Wort zum ersten Mal gehört hatte.