Stefanie Endemann


Geboren wurde ich 1950. Meine Arbeits- und Erwerbsbiographie ist lang und relativ uninteressant. Ich unterrichtete in den Fächern Deutsch, Latein und Russisch.

 

Seit meiner Pensionierung habe ich Zeit und Energie genug, mich richtig meinen Hobbys zu widmen, unter anderem dem Schreiben: Gedichte und Kurzprosa.





Weitere Textproben:

 

 

Wenn Engel träumen …

 

Agaliel war ein pflichtbewusster Engel. Das hatte ihm den Posten eines Schutzengels eingebracht. Und weil er so besonders pflichtbewusst war, war er zum Stadtrevierschutzengel in einer der bedeutenden Metropolen Westdeutschlands aufgerückt.

 

Agaliel wusste wieder einmal nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Hin und her war er geflitzt, um gerade noch das Schlimmste zu verhüten. Gerade hatte er noch rasch ein Kind im Vorbeiflug umgeschubst, so dass es heulend auf dem Hintern am Bordstein saß und das Auto vorbeigezischt war, das es sonst erfasst hätte.

 

Agaliel nahm erschöpft – in einer metaphysischen Version des Ausgepowertsein – auf einem gotischen Kirchdach Platz; die alten Gemäuer schienen ihm noch einen Hauch von Redlichkeit auszuströmen, die diese moderne hektische Stadt durchaus nicht mehr besaß. Ebenso wenig wie einen merklichen ästhetischen Sinn. Die eine oder andere teure Sofagarnitur, das eine oder andere japanische Edellokal oder auch die ungezwungen wilde Kleidung eines Punkmädchens mochte das besitzen, aber doch nicht dies fürchterliche Konglomerat aus Beton, Glas, Plexiglas und unglaublich degeneriertem Sinn für Angemessenheit und Form. Verhunztheit war hier Normalität, und diese Verderbnis wurde gezielt erzeugt.

 

Agaliel scheute sich jeden Morgen, seinen schweren Dienst aufzunehmen, der unter anderem ja auch mit sich brachte, dass er verabscheuungswürdige Individuen, deren Seele oft noch scheußlicher geformt war als diese Stadt, nach Kräften behüten und retten musste. Und das in steigender Tendenz. Frustration und Widerwillen beherrschten sein Sinnen.

 

Agaliel, in sich zusammengesunken‚ schaute kurz auf, als ein Hauch von Untergang ihn berührte. Wo? Was? Eine teure Limousine näherte sich, gerade zu seinen Füßen, und er wusste, jetzt musste er eingreifen, denn es lauerte was richtig Fieses auf den Insassen. Agaliel musste nun eingreifen, es war höchste Zeit, auf!

 

Agaliel? – Agaliel!!! – Agaliel kauerte wie festgeklebt auf seinem Platz und sah still zu, wie der Flitzer bremste und zum Stehen kam. Nicht lange, so ertönte das Martinshorn des Rettungswagens, und Agaliel betrachtete gleichmütig, wie der Insasse, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, abtransportiert wurde. Der würde es nicht packen. Agaliel hockte weiter da, teilnahmslos beobachtend, wie dort im Bauamt ein Brand ausbrach und drüben in der teuren Anwaltskanzlei der Teufel los war.

 

Was war los mit Agaliel? Ab und zu griff er kurz ein, wenn ein Kinderwagen umzukippen drohte, wenn er einen Einbruch in der Nähe registrierte, wenn einer Oma die Handtasche weggerissen wurde. Aber merkwürdig, Agaliels Hilfe war mit Unfällen verbunden: Beim Einbruch kippte dem Einbrecher das aufgestemmte Fenster aufs Genick, so dass er für tot liegenblieb, beim Handtaschenraub stolperte der Dieb beim Fortrennen vor den Bus … Was war in Agaliel gefahren?

 

Agaliel hockte, träumte mit offenen Augen, und Engelsträume werden wahr.

 

Mittags ereigneten sich in der Innenstadt einige schwere Störfälle. So war eine Gruppe Hooligans mit Stangen und Baseballschlägern vor dem Fußballstadion aneinander geraten, und merkwürdig, kein Handy funktionierte mehr, um die Polizeimannschaften herzurufen. Bis die Einsatzwagen eintrafen, war eine Stunde vergangen, und entsprechend war die rote Ernte, die bloß noch mit schwarzen Wagen abtransportiert werden konnte. Gegen Nachmittag schien die Situation noch zu eskalieren. Der Inhalt von Kühlschränken in verschiedenen salafistischen Wohngemeinschaften ging krachend in die Luft. Ein Bankgebäude erlitt eine unerklärliche Verpuffung, und aus der Chefetage regnete es Büroordner, Aktenkoffer und Laptops. Zwei Banker jumpten hinterher. Jump, you fuckers!

 

In der Universität beschloss ein eilig einberufenes akademisches Gremium zum Entsetzen des Rektorats die Offenlegung sämtlicher industrieller Lehrstuhlfinanzierungen. Ein Baudezernent ging seines geheimen Adressbuches verlustig, welches ein Occupy-Mitglied interessiert aufhob, und ein Dompropst war im Bordell einem Herzschlag erlegen. Einen lettischen Programmierer fand man leblos in seinem Kellergelass. Es wurde bekannt, dass bei der herbstlichen Wildschwein-Treibjagd am Nachmittag im Taunus durch Querschläger zwei namhafte Industrielle (Rheinmetall und Thyssen) zu Tode gekommen waren. Weitere spektakuläre oder folgenreiche Zwischenfälle ereigneten sich. Sepp Blatter schrieb ein umfassendes Geständnis, um sich anschließend aus dem Hotelfenster zu stürzen.

 

All diese Vorkommnisse waren allerdings Lappalien, gemessen daran, dass Jean Claude Juncker, bevor er um 17 Uhr vor die Pressekonferenz trat, eine Wahrheitsdroge geschluckt hatte.

 

Und Agaliel? Agaliel schrak auf und erhob sich, aber als er sich nun aufmachte, um lindernd ans Bettchen eines krebskranken Kindes zu treten, hielt er sein Haupt mit den strahlenden blauen Augen sehr aufrecht, und hätten irdische Bewohner ihn sehen können, hätten sie ein zufriedenes und fast seliges Lächeln auf seinen karminroten Lippen gewahrt.

 

Die nächsten Arbeitswochen würden turbulent und aufregend werden, aber möglicherweise recht zufriedenstellend. 


Das Objekt »Accu« (1961) von Beuys wird gedeutet

 

O sieh! hier sind drei Stück Karton,

ein großes und zwei kleine,

drauf kleckern brauner Lack sowie

öliges Grau-Geschleime.

 

Weiß unterfängt das Werk von Beuys

aus Pappe eine Plinthe.

Was man nicht sieht, ist Klebestoff,

der hält das Kunstgebinde.

 

Betrachter, was, du siehst es nicht,

was das Objekt dir weiset?

Na komm, fünf Materialien sind’s,

worum Bedeutung kreiset.

 

Noch immer nicht begriffen, Mann?

Sechs Schichten sind vorhanden!

Sechs, mein Gott, jeder Mummelgreis

denkt Sechs sich hierzulanden.

 

Na also, geht doch, lieber Mann!

Dann sehen wir genauer hin.

Das Äußere weist Sinnlichkeit.

Doch innen wohnt der Sinn.

 

Kreuzweise kleben die Kartons:

Kraftfelder akkumulieren!

O, Uranfang und Übergang

aufs knappste kontrastieren!

 

Das solltest du beachten, Mann:

Der braune Lack verbindet,

dass man ganz leicht betrachten kann,

wie Stoff zur Botschaft findet.

 

Jedoch, jedoch, der Lack ist braun,

das solltest du begreifen,

das steht für warm und flüssig da

in dieser Form, der steifen!

 

In einer Form, der steifen, Mann!

Da merkst du magisch ausgedrückt

das Strahlen reinster Energie!

Weiß, braun und oben grau zerdrückt,

 

mit Meisters eignem Finger ward

die graue Farb verbreitert,

die oben blockhaft sich zerbeult,

der Kunstbegriff erweitert.

 

Wenn das dir, Mann, nischt sagen tut,

wie soll’s man dir erklären?

Die Wesenheit liegt offen! Ach,

du solltest Kehricht kehren!

 

Nein, Kehricht selber das? Oh weh!

Das ist dann doch die Höhe!

Weh über dich, o Chorazin!

Du siehst nicht, doch ich sehe!



MARTINO

 

So geht Martino zu Werk: Das entzückte Publikum hatte er vorher genug aufgemischt. Jungfrau und Leopard waren auf sonderbare Weise verschwunden und durch ein gurrendes Taubenpaar ersetzt worden; das er sich einfach in den Ärmel schob, um es dann anderswo symmetrisch aufflattern zu lassen. Dann hatte er sich vom Publikum eine Karte angeben lassen, in rasender Schnelle anschließend ein Spiel Karten aufgeblättert und einem verblüfften Zuschauer anschließend die gewünschte fehlende Karte aus dem Kragen gezogen und ähnliche erstaunliche Dinge fabriziert.

 

Lächelnd und scheinbar völlig entspannt tritt er nun an die Kante der Bühne, bückt sich und pult einem anderen Zuschauer einen Tennisball mühsam aus dem Hosenbund, dabei hat er, hastenichtgesehen‚ bei dem Nachbar einen zweiten, der diesem gerade von der Glatze rollen wollte, gerade noch eingefangen. Im selben Augenblick stolpert der Zauberer und rollt auf zwei weiteren Bällen, die sich plötzlich unter seinen Sohlen befinden, um ein Haar über den Bühnenrand, fängt sich, stolpernd und fuchtelnd, noch gerade, wobei seine anderen Tennisbälle in Bewegung geraten und einer um den anderen rein zufällig in seine weiten Seitentaschen purzeln. Martino steht wieder gerade, setzt seinen traurig-blöden Clownsblick auf, der seinen Blick auch ohne dicke Schminke picassohaft verzerrt. Denn nun regnet es von der Decke weitere Bälle, die Martino an sich vorbeizischen lässt, bis sie auftitschen und nach oben springen, wobei sie sich unversehens in den Reigen der anderen Bälle einreihen, die um Martinos trauriges Glotzen kreisen. Da, einer bricht aus, und der Illusionist springt tölpelhaft zur Seite, um ihn aufzufangen. Schon sieht er sich gezwungen, andere ausbrechende Bälle teils mit dem Hintern, teils den Fingerspitzen gerade eben noch wieder nach oben zu befördern, bis einer nach dem anderen klackend auf seiner Linken landet.

 

Diese balanciert Martino kreisend, während er sich mit der Rechten eine Zigarette in den Mund schnipst. Martino bittet um Feuer. Nein, das ist verboten in öffentlichen Räumen? Na, dann hat Martino auch keine Lust mehr, er verzieht sich in die Kulissen, während das Publikum buht und sich die Bälle ungeordnet im Publikum verteilen.


Kollo, der Igel 

 

Kollo, der Igel, war entsetzlich resignierter Laune, müde und furchtbar hungrig. Seine Winterschlafgelegenheit war verschiedentlich gestört worden, diese entsetzlichen Laubpuster waren im Gang gewesen. Der Laubhaufen war von unbefugten Händen aufs schmählichste verringert worden, so dass er nur noch wenig Schutz bot. Regenfälle ohne Ende durchnässten das Domizil. Kollo hatte sich zu seinem frühen Winterschlaf zurückgezogen, als das, was ihm an Nahrung zur Verfügung stand, immer weniger wurde und Kollo, statt noch einmal ordentlich zuzulegen, auch immer weniger wurde. Entkräftet, wie er war, hätte er schnüffeln, hin-und herlaufen müssen, graben, scharren, und diese Mühseligkeiten kosteten ihn die letzten Energien, ohne ihm neue zu liefern. Die schwächlichen Kräfte versagten ganz, wenn es um Erwühlbares ging: An die fetten Käferlarven und Maden kam er gar nicht mehr heran. Hier und da stieß er noch auf einen halbverfaulten Apfel, bevor die Menschen diesen beseitigten.

 

Kollo hatte sich dem Drang hingegeben auszuruhen, ja zu sterben, falls er gewusst hätte, was das ist, und sich ein Eckplätzchen im Garten gesucht. Wenn Koilo in seinem betäubten, ohnedies recht simpel strukturierten Gehirn – ihm war zudem entsetzlich kalt – hätte denken können, hätte er gewusst, das Ende ist nahe.

 

Kollo rappelte sich jetzt mühselig auf und wankte, immer wieder liegenbleibend, auf ein gelbes Licht zu, dass sich den Weg in seine Knopfaugen und in seine kärglich bemessenen grauen Hirnzellen bahnte und das letzte Energien ansprach. Man hätte es ein Hoffnungsfünkchen nennen können:

 

Das dünne Kerlchen robbte, torkelte und fiel immer wieder zusammen. Aber immer, wenn Kollo liegenblieb und wegdämmerte, erinnerte ihn der Glanz daran, dass noch etwas zu tun übrigbleibe, etwas unendlich Wichtiges, Irgendetwas musste noch versucht werden. Das Licht! In der Nähe dieses Lichtes musste es sein.

 

Und Kollo rückte voran, schaffte es sogar noch die letzte Steigung hoch bis zur Terrassentür, aus der der warme Schein brach. Und noch etwas gelang Kollo, so ganz in der Nähe des verheißungsvollen Lichtes: Er richtete sich ein wenig auf und kratzte an der Türe. Dann fiel er um.

 

Kollo kam zu sich in der Wärme. Er streckte seine Glieder, und nichts passierte, außer dass er sich umfasst und umhüllt fühlte von etwas Warmen. Das konnte aber nichts Böses sein, eher etwas Mütterliches, denn nun wurde ihm etwas in sein hangendes Mündchen geschoben, das sofort alle restlichen Lebensgeister aktivierte, etwas Köstliches, unendlich Nahrhaftes, Kollo schnupperte und schluckte, soviel er kriegen konnte, darauf trank er, nieste und ließ etwas unter sich fallen. Und fiel wieder in Schlaf und Betäubung, bis der sanfte Griff nach ihm ihn wieder weckte und von dem Guten ihm ins Mäulchen schob. Und wie gut es hier roch!

 

Kollo war eine Kreatur, die wesentlich übers Riechorgan sich orientierte sowie über das Vomeronasalorgan, das ihm mit großer Verlässlichkeit über Gut und Böse, Freund und Feind Auskunft gab; und Kollo fand, es seien die schönsten Zeiten seiner Kindheit wieder angebrochen, aber ohne die neidische Grausamkeit seiner Geschwister, die

ihm viel zu wenig von dem Essen übrigließen, das die Eltern heranschleppten.

 

Der junge Igel schlief hier ständig mit Behagen und großer Begeisterung wochenlang, fraß, was er kriegen konnte, und war zufrieden mit seiner umgrenzten Behausung. – Es handelte sich übrigens um einen mit Zeitungspapier ausgelegten Karton. Das Zeitungspapier wurde täglich ausgetauscht, so dass Kollos Nase kaum noch verfaulte, stechende und stinkige Gerüche empfing und dem kleinen Gehirn nur tröstliche und appetitliche Wohlgerüche vermittelte. Kollo sah auch keinen Anlass, die Grenzen seines paradiesischen Obdachs zu erkunden. Er schlief, fraß, schlief und wurde in großem Tempo fetter und runder.

 

Hin und wieder brach in seinem Gehirn Alarm los, wenn eine große, gefährliche Schnauze lautstark seine Ausdünstungen einsog, aufgeregt schnupperte und an der Kiste rappelte. Aber die starken Wesen, die sich seiner, des allerärmsten Igels auf der Welt, angenommen hatten, riefen mit ärgerlichen Äußerungen dies Untier-Tier, das ihm gefährlich werden konnte, von seinem Heim zurück. Zu seinem, Kollos, Schutz, das erlebte der Igel deutlich, der dies Wunder in dämmernder Zufriedenheit über sich ergehen ließ.

 

Natürlich hatte er wenig Scheu vor Händen, die den Deckel wegschoben über ihm, ihn im Tuch anfassten, aus dem Karton hoben und wogen, vor den Wesen, die vor ihm erschienen und ihn mit glänzenden Augen betrachteten und murmelten. Das Nächstliegende, was ein Tier als Erstes befürchten muss, nämlich selber aufgegessen zu werden, war ja die ganze Zeit nicht eingetroffen. Hätten sie nach seinem bisschen Fleisch gegiert, hatten sie ihn längst haben können. Kollo konnte, wenn es seine bescheidene Igelexistenz betraf, durchaus zwei und zwei zusammenzählen. Das kleine Dickerchen streckte sich beruhigt aus, schnaubte stark und pustete und versank in süße Igelträume. So wuchs und wuchs er seinem zweiten Start in ein geglücktes Tierleben zu.

 

Irgendwann hob man den verschlafenen Kollo hoch und setzte ihn und seine Kiste nach draußen, wo es so kühl war, dass Kollo von alleine das Fressen einstellte und in Tiefschlaf versank.

 

Im nächsten Sommer wuselte Kollo, der unter der nachgeholten Obhut stark genug geworden war, um letztlich doch seinen artgerechten Winterschlaf zu halten, eifrig in den Gärten herum, nährte sich von weichen Schnecken und gründete eine zahlreiche Igelfamilie.

 

Siehe, Menschen können auch anders!