Leseproben aus der Schreibwerkstatt


An dieser Stelle werden Texte eingestellt, die im Rahmen der Schreibwerkstatt-Treffen entstanden sind. In diesen regelmäßigen Treffen schreiben wir gemeinsam über ein – meist spontan – gewähltes Thema. Die Form ist frei: Prosatexte, Lyrik oder in Worte gekleidete Gedanken. Die meisten Texte werden nach dem Treffen noch ein wenig nachbearbeitet; die Grundidee und die wesentliche Struktur der Texte entstammen jedoch unmittelbar den Werkstatt-Treffen.

 

Selbstverständlich werden hier nicht alle Texte aus der Schreibwerkstatt veröffentlicht, sondern nur diejenigen, die von den jeweiligen Autoren auch explizit dafür freigegeben werden. Mitunter sprechen auch anderweitige Verwertungsoptionen (z.B. Veröffentlichung an anderer Stelle, Einreichung zu Literatur-Wettbewerben usw.) gegen eine vorzeitige Publikation im Internet ...

 

Auf dieser Seite werden zur Zeit nur die aktuellen Texte (des Jahres 2017) aufgeführt. Ältere Texte finden sich auf den Unterseiten »Archiv 2015« sowie »Archiv 2016/1« und »Archiv 2016/2«.

 

 

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Zum Stichwort »Weitermachen« (Treffen am 12.01.2018)

Weitermachen I (Daniela Krahl)

Weitermachen II (Daniela Krahl)

Macht schon! (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Kur« (Treffen am 12.01.2018)

Kuren heute (Daniela Krahl)

Kur im Dezember (Daniela Krahl)

Ei versucht (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Unter der Decke« (Treffen am 10.11.2017)

Altherrenlamento (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Nummer« (Treffen am 10.11.2017)

Rotkehl (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Zur Ruhe kommen« (Treffen am 06.10.2017)

Zur Ruhe (Jorel)

Zur Ruhe kommen (Jorel)

Im Fluge (Daniela Krahl)

Zur Ruhe kommen (Daniela Krahl)

Keine Strafe (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Knoten lösen« (Treffen am 06.10.2017)

Knoten lösen (Edith Hoffmann)

Knoten lösen (Jorel)

Knoten lösen - Akrostichon (Jorel)

Knoten lösen (Daniela Krahl)

Rosenherbst (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Es ist alles gesagt« (Treffen am 08.09.2017)

Es ist alles gesagt (Jorel)

Redeverbot (Jorel)

Tagesthemen (Jorel)

Es ist alles gesagt (Ellen Klandt)

Wirklich alles? (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Flügelmutter« (Treffen am 08.09.2017)

Geflügelt und teilgeschüttelt (Alexander Mühlen)

Flügelmutter (Jorel)

Die Flügelmutter (Lars Westhoven)

 

Zum Stichwort »Nerd« (Treffen am 07.07.2017)

Nerd (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Fieber« (Treffen am 07.07.2017)

Fieber (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Dublin« (Treffen am 09.06.2017)

Dear Ould Dublin (Daniela Krahl)

Dublin (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Abschied« (Treffen am 09.06.2017)

Abschied (Alexander Mühlen)

Abschied vom Abschied (Herbert Reichelt)

 

Zu den Stichworten »Zügellos« und »Saubermann« (Treffen am 12.05.2017)

Zügellos - gezügelt (Daniela Krahl)

Passagen und Pirouetten (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Taxistand« (Treffen am 17.03.2017)

Taxi-Knacks (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Galerie(n)« (Treffen am 17.03.2017)

In einer Galerie (Ellen Klandt)

Alles Pappe (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Aus den Fugen« (Treffen am 10.02.2017)

Titanic-Töne (Alexander Mühlen)

 

Zu den Stichworten »Trump« und »Respekt« (Treffen am 10.02.2017)

Strolche (Alexander Mühlen)

 

Zu den Stichworten »Zauber(rer)« und »Neues Jahr« (Treffen am 13.01.2017)

Magisch ist das Zauberwort (Jorel)

Zauberer (Jorel)

Zauberer - Akrostichon (Jorel)

Zauber und Flut (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Sommerschule« (Treffen am 13.01.2017)

Sommerschule (Jorel)

Kuh und Schuh (Alexander Mühlen)


Weitermachen I (Daniela Krahl; Treffen am 12. Januar 2018)

 

Stehen bleiben,

Augen schließen

Rücken buckeln

Füße halt

 

Bauch vorstrecken

Schultern dehnen

Kopf erstarrt

 

Treppen steigen

Blumen gießen

Laken zupfen

Kaffee kalt

 

Tisch abdecken

Vorwärts gehen

Halbe Fahrt

 

Ausweis zeigen

Worte fließen

Schreitend zuckeln

Gesicht alt

 

Lautlos gähnen

Uhrzeit checken

Teppich hart

 

Lächeln zeigen

Teller kreise

Hände schütteln

Geschichten halt

 

Stehen bleiben

Augen schließen

Kopf erstarrt


Weitermachen II (Daniela Krahl; Treffen am 12. Januar 2018)

 

Neujahrsgrüße erreichen sie, freundliche Worte mit gutem Rutsch und umsetzbaren Vorsätzen.

 

Unter dem Tisch stapeln sich einige Jahreshoroskope, heraus gerissen aus Journalen für die Frau. Was kommt, was es zu vermeiden gilt, Warnungen vor einzelnen Tagen. So indifferent wie in diesem Jahr ist es ihr noch nie vorgekommen.

 

Der Neuanfang bleibt aus, es wird ein Weitermachen, dämmerte es ihr.


Macht schon! (Alexander Mühlen; Treffen am 12. Januar 2018)

 

Lasst uns heute heiter lachen

Denn das neue Jahr bringt Früchte

Mehr als Krisen und Gerüchte

Welche von der Leiter krachen

 

Kommt mir nicht mit schrägen Sachen

Die ich nur auf Abstand züchte

Wenn ich nicht vor ihnen flüchte

Dann doch besser <weitermachen>

 

Gebt mir Reime, gebt mir Träume

Winterlich sind kahl die Bäume

Doch den Wein des frohen Waltens

 

Trink ich aus demselben Becher

Wie zuvor - und ruf‘ als Zecher

<Weiter, macht schon!> wir erhalten’s


Kuren heute (Daniela Krahl; Treffen am 12. Januar 2018)

 

Wir schwingen die Arme

und beugen die Knie

Wir drehen die Bälle

und atmen wie nie

 

Bedächtig zum Wiegen

Notieren den Puls

Wir wollen brillieren

Und achten das Muss

 

Im Schwimmbad kein Plantschen

Nur artiges Gehen

Ein kraftvolles Laufen

auf Ergometern zu sehen

 

Um Sieben das Aufstehen

Um acht etwas Brot

Um zwei dann noch turnen

Und zehn Uhr ist dann Schluss

 

Klein Glanz alter Tage

Kein Schatten, kein Suff

Wir spielen wir Kinder

Nur nachts dann Verdruss


Kur im Dezember (Daniela Krahl; Treffen am 12. Januar 2018)

 

Fast leer ist der Kursaal. An drei Tischen lehnen sich Paare von Kurgästen zurück. Es haben sich meist Frauen zusammen gefunden, die aus den Kurkliniken als Ziel ihres Spaziergangs das samstägliche Kurkonzert gewählt haben. Wiener Melodien spielen die älteren Musiker, bekannte Titel mit leicht ungarischem Anstrich. Drei Herren sind auf der Bühne. Sie machen gerne und lange Pausen zwischen den Stücken, plaudern abgewandt.

 

Die Gäste verspeisen Torte und rühren im Kaffee. Deckenhohe Fenster fluten den weiten Saal mit dem schneehellen Licht aus dem Schlosspark. Noch ein zu schnell gespieltes Stück, dann verbeugt sich das Trio. Wenig Applaus spendieren die Gäste und tragen doch zufriedene Gesichter. Es ist ein Höhepunkt im Kuralltag.


Ei versucht (Alexander Mühlen; Treffen am 12. Januar 2018)

 

Frau Fürstin hat ein Briefchen geschrieben

Ihr kam der Klapprechner dabei zustatten

Die lange Nachricht an Trutz, ihren Gatten

Der sie verwöhnte, doch ohne sie zu lieben

 

Es gab ein Gerücht von Herzensdieben

Sie stieß darauf beim Sortier’n alter Platten

Man fährt zur Kur, sucht dort seinen Schatten

Den trifft man täglich um Viertel nach Sieben

 

Der Fürst entgegnete »Mach‘ mal ne Pause

Die Kosten trag‘ ich, und Du kommst nach Hause

Wer hier wen kur-belt, entscheidet der Vater

 

Was heißt schon Liebe, nach der wir dürsten

Du Luder teilst den Stand eines Fürsten«

Da fand sie Herrn Anders, und gut küssen tat er …


Altherrenlamento (Alexander Mühlen; Treffen am 10. November 2017)

 

Mein Kummer ist der Murks, in dem ich stecke

Von jeder Panne bleibt mir die Erfahrung

Die Leidensfähigkeit kriegt neue Nahrung

Im Nehmen bin ich längst ein alter Recke

 

Die Zuversicht tritt auf wie eine Schnecke

Die Kühnheit resigniert, nichts als Bewahrung

Das heikelste Problem herrscht bei der Paarung

Es ist, als biss‘ mich täglich eine Zecke

 

Doch dann fiel es wie Schuppen mir vom Kopfe

Bin klinisch ganz gesund, häng‘ bloß am Tropfe

Kaum, dass ich mich mit schaler Lust beflecke

 

Der Weg führt durch das Dunkel hin zum Topfe

Chérie, mein Trachten hängt an Deinem Zopfe

Komm gib mir Deine Hand – unter der Decke!


Rotkehl (Alexander Mühlen; Treffen am 10. November 2017)

 

Mein Rotkehl macht mir Kummer

Er singt nur noch im Winter

O Gott, was steckt dahinter

Er war doch sonst ein Brummer

 

Im Frühling bleibt er stummer

Kaum noch die Töne find’t er

Es lutscht kein Peppermint er

So stumm ist diese Nummer

 

Selbst die Musik von Haydn

Möcht‘ sorgsam er vermaydn

Er schwaygt in seinem Zimmer

 

Und ich auf blanken Brettern

Muss jetzt die Töne schmettern

Das findet man noch schlimmer


Zur Ruhe (Jorel; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

Das wilde Streben,

blühen, wachsen,

sich verschwenden,

vorüber

 

In den Händen halten

die Ernte des Jahres,

des Lebens, der Zeit

in Fülle

 

Die Wälder der Erinnerung

sind voll der Früchte,

den Gerüchen und Farben,

die Ernte steht an

 

Siehe,

vieles gelang,

noch mehr jedoch wartet.

Lass den Dingen Zeit


Zur Ruhe kommen (Jorel; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

So spät der Tag

doch du hast keine Zeit

da ist noch dies und das

was sein muss

unbedingt

 

Alles Licht schwindet

das Blau des Himmels welkt

Satt senkt sich

Grau über Grau

hin zur Nacht

 

Seufzend gönnst du dir Ruhe

die lang ersehnte

und dann

knipst einer die Lampen an

Von wegen zur Ruhe kommen


Im Fluge (Daniela Krahl; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

Wie Tränen ziehen die Tropfen

Am runden Fenster ihre Bahn

Weit vor den Wolken schon

rutschen sie zitternd zum Scheibenrand

 

Die dreifache Verglasung erlaubt

den Blick zu entferntesten Weiten

auch Einsichten ins wattige Wolkenband.

Oberhalb dann hauchzarte Nebelschwaden

 

Die Schleier verziehen sich kaum merklich

In Flughöhe Klarheit hinter dem kalten Glas

vor ausgestreckter Sonnenröte

Kein Vogel streift den Horizont

 

Nach vorne gekrümmt kauert ein Passagier

blickt zum Guckloch, streckt die Beine

Sie lehnt sich zurück, atmet aus

Im Fluge die Ruhe gekommen


Zur Ruhe kommen (Daniela Krahl; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

Eine dieser zeitlebens wiederholten Forderungen:

Komm doch mal zur Ruhe

Du musst Dich mehr entspannen

Geh doch einmal aus und hab Spaß

Du musst mehr lächeln

Mach doch auch einen Witz

 

Ja – sicher – Danke

Was gab es zum Mittag?

Können wir das Thema wechseln?

Wer möchte etwas von der Verantwortung abnehmen?

Nein, es ist keine Frage des Alters

sondern des Knotenlösens


Keine Strafe (Alexander Mühlen; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

Sie hat sich wieder schlecht benommen

Den Rest Erziehung schlicht vergessen

Zunächst ihr Schälchen leer gefressen

Doch kann sie nicht zur Ruhe kommen

 

Tiraden helfen nicht, die frommen

Die Müllabfuhr hat sie gefressen

Ein Krach dringt ein, zu laut zum Messen

Sie kläfft und kläfft, man schaut beklommen

 

Ja, das ist Tiffy, meistens friedlich

Nur bei Geräuschen unerbittlich

Vermutlich schmerzen ihre Ohren

 

Sie dafür auch noch zu bestrafen:

Ich könnte kaum in Ruhe schlafen

Mein Hund bleibt Mensch – nichts ist verloren!


Knoten lösen (Edith Hoffmann; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

Der Knoten, der ist gar zu fest.

Wer hat den nur gebunden?

Weil er mir keine Ruhe lässt,

hab ich mich arg geschunden.

Ich zupfe kurz, ich zupfe lang.

Der Fingernagel ist gespalten.

Vor lauter Zupfen werd ich krank.

Kann meine Wut nicht halten.

 

Im Nähkasten die Schere blinkt,

die werde ich benutzen.

Meine Wut nach unten sinkt.

Ich beende das nervige Rupfen.

Dem Knoten rücke ich zu Leibe -

Und sage und schreibe!

Im Nu ist er gelöst.

 

Im Nu bin ich erlöst.


Knoten lösen (Jorel; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

Lange schaust Du mich an.

Ohne Worte,

schaust und schaust,

dass mir ganz anders wird.

Was an meiner Geschichte war falsch?

Meine Gefühle fahren Achterbahn.

Habe ich Dich beleidigt,

muss ich mich schämen

ob meiner Worte,

die so leicht

über meine Lippen flossen?

Du schaust so,

dass ich die Augen senke.

Alles wird eng,

der Knoten in meinem Hals

wird immer grösser.

Kein Wort kann ich finden.

Dann

dieses Lächeln von Dir.

Du hast verstanden,

der Knoten löst sich.

Alles ist gut.


Knoten lösen - Akrostichon (Jorel; Treffen am 06. Oktober 2017)

K

n

o

t

e

n

l

ö

s

e

n

Kaum zu glauben

niemand sah es

Ohne Eile

tapsten kleine

Entchen

niedlich

lustig

öden

Senken

entgegen

ne ne ne ne ne



Knoten lösen (Daniela Krahl; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

Verwirrte Mails ohne Belang

Chatten zwischen drei Bezügen

Auch das Telefon springt an

Der Bericht bleibt liegen

 

Vor drei Lifts sich noch entscheiden

Mit Kollegen Schlange stehen

Oder Treppen abwärts steigen

Und am Flusse wandern gehen

 

Dann zurück ist’s kaum viel besser

Weitblick kurz - nur wie ein Schritt

Diesen gehen bringt uns weiter

Stehenbleiben wirft zurück

 

Tisch chaotisch, leer der Becher

Doch der eigne Kopf gibt Ruh

Schnell ergriffen nur was heute

Wirklich heute ist zu tun


Rosenherbst (Alexander Mühlen; Treffen am 06. Oktober 2017)

 

Gedanken kommen, keine bösen

Wie gern würd‘ ich in meinem Garten

Die Rosen seh’n, die mich erwarten

Die roten, weißen, die pompösen

 

Es ist nicht hilfreich, mit Getösen

Ins Gärtnerparadies zu starten

Die Pflänzchen brauchen Schutz, die zarten

Das Knospen gleicht dem »Knoten lösen«

 

Doch jetzt im Herbst weiß ich genauer

Die Pflanzenwelt hüllt sich in Trauer

Vor Depression will ich mich hüten

 

Kommt uns der Frühling erst erfreuen

Dann wird sich jeder Trieb erneuen

Und wieder gibt es zarte Blüten …


Es ist alles gesagt (Jorel; Treffen am 08. September 2017)

 

Gesagt, gesagt, gesagt.

Du hast immer alles gesagt.

Mein Kopf war voll von Dingen,

die du gesagt hast.

Jeden Tag musste ich sortieren,

was wirklich wichtig.

Deine Worte

waren wie Fahrzeuge auf einer Autobahn,

rasend schnell.

Und nun,

bist du verstummt,

bist nicht mehr.

Das Summen

in meinem Kopf wird leiser.

Nun höre ich mich.

Endlich.

Es ist alles gesagt.


Redeverbot (Jorel; Treffen am 08. September 2017)

 

Trotz im Blick

Redeverbot

und viele Fragen

aber

Es ist alles gesagt

Punkt.

Ich hasse es

schon wieder Redeverbot.

ich hätte doch noch

so viele Worte.

Was ich erlebt,

wo ich gewesen.

Niemanden interessiert es.

Na gut,

aber ich schwöre,

meine Zeit wird kommen.


Tagesthemen (Jorel; Treffen am 08. September 2017)

 

Wohnung aufräumen

Einkaufszettel schreiben

Auto waschen

Wäsche nicht vergessen

Arzttermine

Gästeliste

Fernsehprogramm

Briefe an die Familie.

Et cetera et cetera

Du hast mir all das gesagt,

fragst Fehlt noch was?

Ja,

Ich liebe Dich


Es ist alles gesagt (Ellen Klandt; Treffen am 08. September 2017)

 

Ich verlasse die versteckte Bank in dem Park, tränenblind verlasse ich sie, obwohl es schon spät ist und der rosafarbene Himmel des Sonnenuntergangs jetzt von der Dämmerung abgelöst wird. Aber ich muss gehen, ich halte es nicht mehr aus. Das Laub raschelt als ich laufe unter meinen roten, spitzen Sommerschuhen mit den viel zu hohen Absätzen, Menschen sind nur noch vereinzelt zu sehen und ich beeile mich, den nun unwirtlicher, ja, unheimlicher scheinenden Schatten der Bäume und Sträucher zu entkommen und den Hauptweg wieder zu erreichen

.

Ich bin noch nie hier gewesen und werde auf einmal unsicher. Bin ich vor drei Stunden an dieser Skulptur vorbeigekommen? Soll ich zurückgehen? Aber diese Blöße will ich mir nicht geben. Ich gehe weiter, höre von ferne Autolärm, daran kann ich mich nicht orientieren.

 

Eine Frau mit zwei Dackeln ist soeben in einem Nebenweg verschwunden. Zu schnell, zu plötzlich war sie da und wieder weg. Sie hätte ich fragen können. Vielleicht waren es keine Dackel, ich kann schon kaum mehr etwas erkennen. Der Himmel ist bedeckt, kein Mond scheint, die Laternen sind weiter entfernt und spenden nur spärliches Licht.

 

Ich stolpere und merke, dass ich langsam panisch werde. Mein Herz schlägt schneller und ich suche mein Handy. Aber wen soll ich jetzt anrufen? Was soll ich sagen? Dass ich in diesem blöden Park herumirre, ich weiß ja nicht einmal genau, wie groß der Park ist und wo ich jetzt bin.

 

Ich höre Stimmen und gehe in diese Richtung, aber dann werde ich unsicher. Es sind die rauen, manchmal auch überschlagenden Stimmen von jungen Männern und denen will ich in meinem desolaten, verunsicherten Zustand auf keinen Fall begegnen. Ich könnte jetzt nichts abwehren.

 

Ich gehe zurück! Aber welche Abzweigung hatte ich eben genommen? Laufe ich nicht überhaupt schon die ganze Zeit im Kreis? Ich ziehe die Schuhe aus, die viel zu eng sind. Meine Füße schmerzen. Ich setzte mich in das feuchte Laub, das den Boden bedeckt. Was für eine lächerliche, erniedrigende Situation.

 

Ich werde warten.


Wirklich alles? (Alexander Mühlen; Treffen am 08. September 2017)

 

»Es ist alles gesagt«, sprach der Federhalter

Und schälte sich aus seinem Etui

»Ich hab‘ viel geschrieben und weiß doch nicht wie

Jetzt kommt mir nicht mit der Ruhe im Alter

 

Dort hängt ein Ballon von ´nem Raumgestalter

Der kam hier herein, ich fasse es nie

Wenn ich ihn so anschau, dann spür‘ ich’s im Knie

Ich zücke den Federkiel, und dann knallt er«

 

Fast so absurd dünken mich die Geschichten

Von Leuten, die tun, als könnten sie dichten

Und woll’n ihre Lyrik sogar verschenken

 

Sie treffen sich oftmals am Berghang, dem steilen

Und wissen genau, es steht zwischen den Zeilen:

»Schon alles gesagt, das könnt Ihr Euch denken!«


Geflügelt und teilgeschüttelt (Alexander Mühlen; Treffen am 08. September 2017)

 

»Komm mir nicht mit Mogelfutter«

Krächzte laut der Zirkusrabe

»Alles, was ich davon habe

Schenk‘ ich meiner Vogelmutter«

 

»Flasche stets am Bügel heben«

Säuselte der Wellensittich

»Glaubt es mir, seit Langem stritt ich

Dafür, bis die Hügel beben«

 

Schließlich möcht‘ ich schlau befragen

»Wird‘ ich krank, wer wird mich füttern?«

Eine von den Flügelmüttern –

Mein Gott, ist die Frau beschlagen!


Flügelmutter (Jorel; Treffen am 08. September 2017)

 

Geflügelte Worte

liest Mutter uns vor,

wir lieben Kleinen

antworten im Chor

 

Mutter ach Mutter

mit geflügelten Füßen

steht Hermes dort

mit Paketen,

Ikea lässt grüßen

 

Ach lass mich,

vor Schreck

fällt die Mutter mir weg

hätt´ ich doch nur Flügel

wie wäre das nett.

 

Flügelschrauben

halten fest

was Bett und Tisch

gern wackeln lässt

 

Profan ist das Ding

nur Flügel und Schraube

Silberglänzend, funkelt im Licht.

Bis heute ihr Leute

vermisst ich es nicht


Die Flügelmutter - Eine literarische Miniatur (Lars Westhoven; Treffen am 08. September 2017)

 

Ratlos legte der schmächtige Mann die Bauanleitung zur Seite. Wer denkt sich nur so etwas aus, dachte Paul und schaute auf seinen, nur halb zusammengebauten Kleiderschrank. Obwohl er alle Einzelteile ausgepackt, und fein säuberlich auf den Fußboden aufgereiht hatte, kam er nicht weiter. Normaler Weise bereitete ihn diese Tätigkeit keine großen Schwierigkeiten. Mit vielerlei Enthusiasmus hatte er alle Möbelstücke, die er sich seit seiner Jugend gekauft hatte, alleine und in kürzester Zeit zusammengebaut. Es war immer wieder eine Herausforderung für ihn, die er mit Begeisterung annahm und meisterte. Bei dieser Tätigkeit überließ er nichts dem Zufall und arbeitete sich pedantisch durch die beigefügte Bauanleitung. Paul setzte alles genau so um, wie es auf den Bildern dargestellt wurde. Nach erfolgreicher Fertigstellung betrachtete er sein Werk mit Genugtuung und genoss dabei immer ein Glas guten Rotweins, mit dem er sich selbst belohnte. Aber bei dieser Anleitung war alles anders. Dort fanden sich nämlich keine Illustrationen, sondern die Konstruktionshilfe war nur in einem Text geschildert. Und das auch noch auf Englisch. Paul kratzte sich am Kopf. Ob er bei der Übersetzung einen Fehler gemacht hat? Aber das Übersetzungsprogramm, das er vor einiger Zeit im Internet gefunden hatte, war in der Regel zuverlässig. Nach dem heutigen Tag war er sich da nicht mehr so sicher. Der dünne Mann war auf ein Wort gestoßen, das er vorher noch nie gehört hatte: Flügelmutter. Und davon muss es auch noch fünf Stück an der Zahl geben, damit dieser Kleiderschrank stabil zusammengebaut werden kann.

 

Paul setzte sich seine Brille auf. Mittlerweile war es später Abend geworden und seine Sehkraft ließ langsam etwas nach.

 

»Flügelmutter«, sprach er immer wieder vor sich her, als er sich alle bereitliegenden Ingredienzien des Möbelstücks nach der Reihe betrachtete. Dort lagen verschiedene Schrauben, ein Dutzend Holzstifte, zahlreiche klassische Muttern und andere nützliche Utensilien, aber eine, oder besser gesagt, fünf Flügelmuttern, konnte er nicht entdecken. Wie sollen die denn aussehen, überlegte er und putzte seine Brillengläser, die wieder mit zahlreichen Fingerabdrücken übersät waren. Gelegentlich musste er seine Sehhilfe immer wieder absetzen, da er, je nach Lichteinfall, das eine oder andere Kleinteil klarer ohne Brille erkennen konnte.

 

Ob es eine Mutter mit Flügel ist, grübelte er weiter, während er nun an seinem Stillen Wasser nippte, das er sich zur Erfrischung bereit gestellt hatte. Aber vielleicht sieht sie auch ganz anders aus und heißt nur so. Das scheint ein langer Abend zu werden, dachte er weiter und schaute zu seiner Flasche Rotwein herüber, die zum anschließenden Genießen auf ihn wartete.

 

Na ja, viel hatte Paul für dieses Möbelstück nicht bezahlt und vermutlich würde es in Fernost hergestellt. So wie die Holzplatten verarbeitet waren und da auch die Qualität der anderen Teile nicht gerade vielversprechend war, konnte es gut möglich sein. Laut triumphierend las er dann auf dem großen unhandlichen Karton, den er nur mit Mühe in den dritten Stock des Mehrfamilienhauses gehievt hatte, »Made in China«. Dies könnte wirklich erklären, das möglicher Weise nicht alle Einzelteile eingepackt wurden. Ihm war schon klar, dass es sich dabei um ein Klischee handelte, das nicht immer der Realität entsprach, aber denkbar wäre es schon.

 

Was Flügelmutter wohl auf chinesisch heißt, überlegte er schmunzelnd vor sich hin. Das kennen die bestimmt gar nicht. Damit wären wir schon zu Zweit, dachte Paul.


Nerd (Alexander Mühlen; Treffen am 07. Juli 2017)

 

Schon oft hab‘ ich davon gehört

Seltsame Typen mit Kalendern

Man meint, sie seien nicht zu ändern

Heut‘ sagt man dazu einfach »Nerd«

 

Autisten mit Computerwissen

Sie kommen brav zu dir nach Hause

Und basteln, bohren ohne Pause

Bis sie sich heillos festgebissen

 

<Im Schädel nix wie Programmieren

Kann so ein Wicht ´ne Frau verführen

Mit Druckerschwärze an den Pfoten? >

 

Um Apple, Microsoft zu gründen

Und eine Cyber-Welt zu künden

Bedarf es mehr als Fachidioten …


Fieber (Alexander Mühlen; Treffen am 07. Juli 2017)

 

Nichts war auf der Welt ihm lieber:

Tropenfieber, weiße Strände

Kokospalmen ohne Ende

Auf ´ner Luftmatratze trieb er

 

Süßmelonen, die zerhieb er

Spuckt‘ die Kerne an die Wände

Fragt‘ sich auch, wie er das fände –

Niemals mehr Devisenschieber!

 

Aber dann kam die Polente

Gönnt‘ dem Schurken nicht die Rente

Fieberhaft – er muss erzittern

 

Ausgefiebert hat der Bube

Rein in eine karge Stube

Schlecht geheizt und hinter Gittern.


Dear Ould Dublin (Daniela Krahl; Treffen am 09. Juni 2017)

 

Im gelblichen Abendschimmer liegt die Halfpenny Bridge. Von meinem Küchenfenster kann ich sie sehen, wenn ich meine Wange an die Scheibe drücke. Gegenüber liegt die älteste katholische Kirche fast in der alten Wikingersiedlung. Es ist die letzte, in der hier im zutiefst katholischen Dublin sonntags noch auf Latein die Messe gehalten wird.

 

Auf dieser Seite der Liffey ist die Altstadt angrenzend an Temple Bar, dem Youngster-, Hipster-, Stage-Night- und Künstlerzentrum und ganz neuerdings auch ein Touristenmagnet. Aber hier in dieser Straße galt noch bis vor kurzem: Achtung, jederzeit kannst DU überfallen werden. Hier ist es immer noch heruntergekommen, dieses Viertel wurde als letztes saniert bevor der EURO-Boom das Land erfasste und kurz später dann die Finanzkrise um sich griff. Aber wovon rede ich, bin ich schon uralt, dass ich so zurückblicke?

 

Blicke, schaue. Ich starre immer noch auf die Kirche mir gegenüber. Die Wohnung hinter mir ist nur möbliert gemietet auf Zeit. Zwei Monate werde ich im IBM Labor arbeiten. Solange bin ich von meinem Arbeitgeber, einem Großkunden ausgeliehen. Es sind drei Zimmer, ein elektrischer Kamin und schöne blaue Tassen für guten Instant Kaffee. Ich lebe hier von einer Hochzeit zur nächsten Henn Party, der Junggesellinnen-Abschiedsfeier für Bräute - für die werdenden Bräute, die seienden, die kommenden und die hoffenden. Und jedes Mal falle ich aus dem Rahmen. Wenn alle sich das Bier kreischend in den Ausschnitt kippen, lächle ich nur. Hier falle ich aus dem Rahmen, weil ich nicht ausfallend bin. Aber umso mehr liebe ich die Hüte auf den Hochzeiten.

 

Ich sollte nicht so lange am Fenster herumstehen. Es ist ein kühler Vormittag. Ein leiser Schrei. Nein – eine gebückte Frau in Schwarz steht noch im Portal der Kirche mit erhobenen Händen. Die Messe ist aus. Ein junger Kerl hat ihre Handtasche entrissen, springt auf sein Rad. Noch ist er keine drei Meter weit gekommen, da er biegt auf die Hauptstraße ein und entkommt unauffällig im dichten Verkehr.

 

Eine noch tiefer gebückte Frau schaut mich von tief unten am Fenster stehend hier oben lange an.


Dublin (Alexander Mühlen; Treffen am 09. Juni 2017)

 

In Dublin’s fair city wär‘ ich gern geboren

Gesegnet, getauft mit `nem ganzen Pint Guinness

Das macht einen schlau, ich könnt‘ sagen „ich bin es“

Doch hab’ ich mein Herz auch an Smithwick‘s verloren

 

Die Wiesen war’n grün, wie ich hinter den Ohren

Die Leute stets freundlich und lauteren Sinnes

Da traf ich die Molly – ihr Blick – ich beginn‘ es

Ein Kuss und ein Lied, schon hat sie mich erkoren

 

Ein Vierteljahrhundert ist seither vergangen

Die Liebe, sie ging und das heiße Verlangen

Der Rest meiner Welt, er verschwand für ´nen Penny

 

Nun bin ich ergraut, ich vermisse die Schlösser

Die Hügel, die Buchten, die Schafe, die Rösser

Und sitz‘ hier allein, doch mir bleibt mein Kilkenny


Abschied (Alexander Mühlen; Treffen am 09. Juni 2017)

 

Ich mag es nicht, das Lied vom Abschied nehmen

Dabei hab’ ich es früher oft gehört

Sentimentaler Text hat mich gestört

Wer Rührung zeigt, dacht ich, der muss sich schämen

 

Zum Beispiel Freddy Quinn, <der Legionär>

Sein Rollenmuster war der Trennungsschmerz

Es kamen viele, immer »tränenwärts«

Und mitzuleiden fiel nicht gar so schwer

 

Der süße Schmelz gekonnter Schnulzendichtung –

Verlacht, verpönt, und dennoch stimmt die Richtung

Mal losgeheult, das kann doch niemand schaden

 

Verfügbar bis zum Ende dieses Tales

Kaum noch verborgen, bleibt uns Triviales

Jetzt sing‘ ich solche Lieder schon beim Baden…


Abschied vom Abschied (Herbert Reichelt; Treffen am 09. Juni 2017)

 

Ja, früher war ein Abschied großes Kino,

in Filmen auf dem Bahnsteig zelebriert.

Ein süßes Hündchen hat sich hin verirrt,

das hieß dann Perdi, Pluto oder Pino.

 

Wie sie in Tränenaugen bald verschwammen!

Ja, selbst die Dampflok fiel in Depression.

Doch klar, man ahnte auf dem Bahnsteig schon:

Zum Happy End sind sie dann doch zusammen.

 

Ein Abschied war ein Kurbad für die Seele.

Wir litten mit und sehnten nur herbei,

dass ganz zum Schluss nichts als die Liebe zähle.

 

So kam’s dann auch – und wir war’n mit dabei.

Auf solchen Abschied kannst heut’ lange warten.

Es gibt ja nicht mal mehr die Bahnsteigkarten.


Zügellos – gezügelt (Daniela Krahl; Treffen am 12. Mai 2017)

 

Woher kamen die abgerichteten Pferde

Die vor Kutschen, vor Karren und Pflügen

Dem Kutscher, dem Bauern gehorchten

Nach vorne uns zogen?

 

Gehorchten sie dem Bauern, dem Reiter?

Oder vielmehr den Zügeln, die straff gezogen

bewegend die Richtung wiesen?

 

Voran in den Spuren

Die tief ausgegraben

gefurcht in den Boden

bereits zuvor vorhanden waren


Passagen und Pirouetten (Alexander Mühlen; Treffen am 12. Mai 2017)

 

Was ist am Sonntagmorgen auf dem Hügel los?

Bei der Dressur entfaltet sich der Zauber, Mann

Ein jeder Schritt, ein jeder Pass sitzt sauber, Mann

Wenn alles stimmt, lässt man auch mal die Zügel los

 

Wär' ich ein Ross, solch Leben könnt' das wahre sein

Die »Hohe Schule«, ganz gewiss kein Kinderspiel

Mit Traversalen und Pirouetten - viel Gefühl

Passagen, Piaffen: Dazu kann Kandare sein!

 

Wer Pferde mag, der weiß, dass das nicht strittig ist

Gefühlt geführt, gehorsam, wenn es »rittig« ist

Des Menschen Freund und Partner brav durch alle Zeiten

 

Die Bahnfiguren - schon das Kind hat sie erfasst

Und auch der Apfel tritt sich flach nicht weit vom Ast

Jedoch das Schönste ist, am Sonntag früh zu reiten...


Taxi-Knacks (Alexander Mühlen; Treffen am 17. März 2017)

 

Es war am Godesberger Taxistand

– Als Jüngling hab‘ ich mich dort rum getrieben

Klausuren hab‘ ich nicht so gern geschrieben –

Ich hatte mich zu jener Zeit verrannt

 

Mein Schwarm, und ich war außer Rand und Band

Er war mein Traum und ist‘s seither geblieben

– Ich glaubte, mich unsterblich zu verlieben –

Und fuhr dann doch frontal an eine Wand:

 

Die Schöne war das viel verehrte Ännchen

Sie hatte keine Kneipe, nur ein <Ständchen>

Als erste Frau mit ´ner Lizenz für Taxis

 

Sie hat mich nicht ans volle Gas gelassen

Ich kann mein Pech bis heute noch nicht fassen

Und weiß seither, was ein mentaler Knacks is …


In einer Galerie (Ellen Klandt; Treffen am 17. März 2017)

 

Ich sehe die Frau auf der Vernissage. Sie trägt ein rotes Kleid und hat die langen schwarzen Haare hochgebunden. Sie steht allein, eine Zigarettenspitze in der Hand, gleich wird sie hinausgehen, um zu rauchen.

 

Jetzt hört sie dem Vortragenden, einem Professor zu, der ernst, wie erschüttert auf den Künstler weist. Der Künstler ist Fotograf, ein schöner Mann, der den Sterbeprozess seiner Mutter monatelang dokumentiert und ihr Leben in seinem Elternhaus bis in die Inhalte der Schubladen hinein fotografisch festgehalten hat. Er steht vor einem der eindrucksvollsten Bilder, es zeigt undeutlich einen rosafarbenen Kittel der Mutter, aufgehängt hinter einer Milchglastür.

 

Als ich nach der Eröffnungsrede die Videoinstallationen betrachte, die der Künstler am Krankenbett seiner Mutter gedreht hatte, sehe ich, schwer erkennbar auf den kleinen Bildschirmen, aber deutlich, die Frau in dem roten Kleid, die in den Videos Jeans und Pullover trägt. Ich kann die Unterhaltung zwischen ihr und der Mutter des Künstlers über Kopfhörer verfolgen, ab und zu höre ich die Stimme des Künstlers aus dem Off. Es sind vertrauensvolle, liebevolle Gespräche.

 

Noch immer steht die Frau in Rot allein. Der Künstler ist umringt von Vertretern der örtlichen Presse. Ich sehe: Er ist stolz. Er doziert, zieht mit der Gruppe mitschreibender und fotografierender Journalisten von Foto zu Foto, groß aufgezogen sind einige, eindrucksvoll sind sie alle.

 

Ich schaue mich um, gehe nach draußen, suche. Die Frau im roten Kleid ist verschwunden.


Alles Pappe (Alexander Mühlen; Treffen am 17. März 2017)

 

Mit Galerien hab‘ ich abgeschlossen

Nie wieder will ich Unverdautes sehen

Zu viel Modernes tritt mir auf die Zehen

Seit Jahren hab‘ ich das nicht mehr genossen

 

Viel Wasser ist den Rhein hinab geflossen

Im Stillen nur erblüh’n noch Orchideen

Wo find‘ ich wahre Kunst, statt nur Ideen?

So manch‘ Talent – vergessen und vergossen

 

Ich hatte mal dereinst an fernen Orten

Die <Neuen Wilden> einzuführ’n mit Worten

Doch scheiterte das an der Vorbereitung

 

»Wo endet die Verpackung, wo beginnen

Die Bänder, Plaste, Pappe, die da drinnen?«

So schrieb darauf am nächsten Tag die Zeitung…


Titanic-Töne (Alexander Mühlen; Treffen am 10. Februar 2017)

 

Ich kenne das Problem aus meiner Jugend

Es irritiert mich sehr, so darf ich sagen

Der Musikanten schändliches Betragen

Des Egoismus Zeugnis, nicht der Tugend

 

MS Titanic ward ins Meer gezogen

An Bord gab’s keinen Zauberer Sarastro

Es saß der Fidel-Spieler auf dem Castro

Der Kontrabass hoch auf dem Kamm der Wogen

 

Der Pianist, den wir fast unterschlugen

Im Unterdeck spielt‘ er was <aus den Fugen>

Ihn schreckten nicht des trüben Wassers Tiefen

 

Der Piccoloflötist, vom Pech erkoren

Mit seinem Instrument war er verloren

Heim fuhr er zu den Geistern, die ihn riefen…


Strolche (Alexander Mühlen; Treffen am 10. Februar 2017)

 

Wir alle schau’n gespannt auf Donald Trump

Und fürchten schon den längeren Effekt

Was da noch kommt, was sonst noch in ihm steckt

Ein Schnösel, böser Clown, vielleicht ein Lump

 

Mit wem kann man ihn überhaupt vergleichen

Vor nichts und niemand hat der Kerl Respekt

Benehmen ganz mit Absicht unkorrekt

Und Selbstbezogenheit zum Herzerweichen

 

Am Horizont erscheint etwas Belebung

Da wird <gesammelt> für die Amtsenthebung

Heran schleicht auch ein Damon mit dem Dolche

 

Und eines Tages seh‘ ich dann mit Google

Fast wie durch Zufall trifft ihn eine Koogle

(So, wie es aussieht, werd‘ ich selbst zum Strolche).


Magisch ist das Zauberwort (Jorel; Treffen am 13. Januar 2017)

 

Magisch ist das Zauberwort

Das oft an meine Ohren klingt

und ich horche, schaue, greife

such nach dem was du erkannt.

 

Magisch

ist für jeden anders

das Gefühl das dich verzaubert

lässt den Andern leider kalt.

 

Oftmals gehen wir die Wege

gleich und dennoch so verschieden

sprechen Worte, reichen Hände

Magisch, das bist du für mich.


Zauberer (Jorel; Treffen am 13. Januar 2017)

 

Das neue Jahr, ein Zauberer

kommt mit ungeahnten Tricks

unverfänglich lächelnd

blitzt uns an eiskalt.

 

An den Fenstern zauberhaft

Blumen und Blätter

Gärten voller Leichtigkeit

magisch entstehen und vergehen.

 

Lichter durch die Nacht hinhuschen

verwaschen verwoben flirrend

Flockenmusik, leicht und leis

ein Zirkus uns zu verwirren.

 

Ein Wink mit den Augen

eine Geste nur

Tage vergehen im Flug

bezaubernde Zeiten bietet ein neues Jahr.


Zauberer - Akrostichon (Jorel; Treffen am 13. Januar 2017)

Z

A
U
B
E
R
E
R

zuerst

alle ansehen

und dann mit einem

Bann belegen

erfolgreich verzaubern

restlos verzücken

endlich, die Verbeugung

rasender Applaus



Zauber und Flut (Alexander Mühlen; Treffen am 13. Januar 2017)

 

Es schwirrt in mir – das Neue Jahr wird sauber

Probleme werden sämtlich überwunden

Die Menschheit wird in ihrem Kern gesunden

Der Weltgeist fügt es, jetzt ist nicht mehr taub – er

 

Und wer da leidet, den holt aus dem Staub er

Für den, der trauert, gibt es Ruhestunden

Der Moselriesling wird mir besser munden

Und weit im Hinterland wirkt noch der Zauber

 

Da wach‘ ich auf aus ruhelosem Schlummer

Er ist noch da, der namenlose Kummer

Sie werden mehr, die hungern und die fliehen

 

Der Wähler fragt, auf wen nur soll er setzen

Die Populisten tönen, und sie hetzen

Die Flut ist da, wird sie uns mit sich ziehen?

 


Sommerschule (Jorel; Treffen am 13. Januar 2017)

 

So, der Sommer geht zur Schule

lernt dort, was er noch nicht kann

Er ist jung, kann gerade laufen

das mit dem Strahlen hat er noch nicht drauf.

Er lernt das Wasser anzuwärmen

und dann, ganz wichtig,

zu zaubern das Grün auf den braunen Hang.

schwierig ist es mit dem Lächeln

das Menschenherzen wärmen soll.

Mein Gott

die Stunden sind zu kurz

schon winkt der Herbst mit roten Apfelbacken.

Der Sommer wehrt sich, er will noch lernen

wie das mit der Liebe ist.

spürt die Gefühle, ist verzaubert,

wird Sommer Sonnen Liebestoll.

Der Sommer denkt.

Die Schule lass ich mir gefallen

da geh ich sicher wieder hin

Im Neue Jahr lern ich die Streiche

für die ich heut zu jung noch bin.


Kuh und Schuh (Alexander Mühlen; Treffen am 13. Januar 2017)

 

In meinem Keller liegt ein Sommerschuh

Le-gal ist er die Hälfte eines Paares

Gekauft am Urlaubsort des letzten Jahres

Er war mit seinem Zwilling stets auf Du

 

Doch dann verlor das Pärchen seine Ruh‘

Das schiere Pech bewirkte Unsagbares

Unglaublich fast, und dennoch gänzlich Wahres

Den zweiten Schuh verspeiste eine Kuh

 

Sie stand auf steiler Alm in einer Wiese

Man dächte – als Ernährung reicht‘ doch diese

Ich lief dort grad‘ herum, der Schuh blieb stecken

 

Er war ein Kunstwerk, ganz aus Stroh geflochten

Du glaubst es nicht, das blöde Rindvieh mocht’n

Ich kam zu spät – die Kuh ließ ihn sich schmecken …