Leseproben aus dem Jahre 2015


Zum Stichwort »Weihnachts-Overkill« (Treffen am 11.12.2015)

Christmas (Stefanie Endemann)

Weihnachtsoverkill (Edith Hoffmann)

Weihnachtliche Idylle (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Klavier« (Treffen am 13.11.2015)

Das Klavier (Stefanie Endemann)

Du hast gewusst (Jorel)

KLAVIER (Akrostichon; Jorel)

Klavier (Jorel)

Klavier (Karlina Kellner)

Klavier (Mainecoon)

 

Zum Stichwort »Was Kurzes« (Treffen am 13.11.2015)

Oh Schock (Jorel)

Was Kurzes (Jorel)

Was Kurzes (Karlina Kellner)

Was Kurzes (Mainecoon)

Was Kurzes (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Nein!« (Treffen am 14.08.2015)

Nein (Jorel)

Nein II (Jorel)

 

Zum Stichwort »Urlaub« (Treffen am 14.08.2015)

Das erste Mal (Jorel)

Du bist (Jorel)

 

Zum Stichwort »Die rostigen Gesellen« (Treffen am 19.06.2015)

Die rostigen Gesellen (Stefanie Endemann)

Die rostigen Gesellen (Susanne Meyer)

Die rostigen Gesellen (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Hin und weg« (Treffen am 19.06.2015)

Hin und weg (Susanne Meyer)

Hin und weg! (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Kichern« (Treffen am 22.05.2015)

KICHER(N) (Edith Hoffmann)

 

Zum Stichwort »Verschwendung« (Treffen am 22.05.2015)

VERSCHWENDUNG (Edith Hoffmann)

Verschwendung (Jorel)

 

Zum Stichwort »Gartenarbeit« (Treffen am 24.04.2015)

GARTENARBEIT (Edith Hoffmann)

Gartenarbeit (Jorel)

GARTENARBEIT - Akrostichon (Jorel)

Gartenarbeit (Jürgen Laue)

 

Zum Stichwort »Wortschatz« (Treffen am 24.04.2015)

Wortschatz (Jorel)

WORTSCHATZ - Edelsteine (Jorel)

WORTSCHATZ - Akrostichon (Jorel)

Wortschatz (Jürgen Laue)

Wortschatz (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Müde« (Treffen am 13.03.2015)

Müde (Elmar Hucko)

 

Zum Sichwort »Zehen« (Treffen am 13.03.2015)

Zehen (Stefanie Endemann)

Zehen (Elmar Hucko)

Der Zeh tut weh (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Lust und Schmerz« (Treffen am 13.02.2015)

Einsichten (Anja Martin)

Lust und Schmerz (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Eine herrliche Woche« (Treffen am 13.02.2015)

Eine herrliche Woche (Anja Martin)

Eine herrliche Woche (Herbert Reichelt)

 

Zur Ausstellung »Kunst im Kasten« (Treffen am 12.12.2014)

Der Maler Gaston (Elmar Hucko)

Dialog über den Maler Gaston (Herbert Reichelt)



Christmas (Stefanie Endemann; Treffen am 11.12.2015)

 

Ich trete vors Haus in Kälte und Regen,

da blinkt mir ein freundliches Lichtlein entgegen.

Ein Lichtlein? Nein, gleich zwei, drei und vier,

der Weihnachtsbaum schimmert vor Nachbars Tür.

 

Ich hebe den Blick, vom Glanz angezogen:

ein großer schlesischer Lichterbogen!

Mit strahlenden Kerzen, acht, acht plus eins.

Und siehe, da schiebt ein Gartenheinz

 

im Vorgarten die Lichterkarre.

Ich gehe weiter. Es geht ins Bizarre:

Wart´s ab. Au weia, Glückauf!

Ein Weihnachtsmann schwingt sich hinauf,

 

fassadenkletternd, und oben ragt

die ganze funkelnde Rentierjagd.

Mit Flimmerschleifen an seinem Schlitten

kommt Santa Claus einhergeritten.

 

Sein Rentier Rudolf mit roter Nas,

das will uns drohen. Das ist jetzt Christmas!

All dieses bunte Weihnachtsspektakel

mit Blitzen und Funkeln, Geläut und Gewackel,

 

was immer China produziert,

wird aufgebaut und installiert:

Die Bambis und Elche, die Rene und Rehe,

die Zwerge und Engel, was immer ich sehe,

 

mitsamt dem dicken Santa Claus,

die sollen nach China, die wünsch ich nach Haus!

Dann quere ich den Weihnachtsmarkt,

da droht mir bald der Herzinfarkt,

 

mir schwindelt, es dreht sich, ich wünsche mit Macht:

Den Stecker ziehen, und wieder ist Nacht.

Wie´s früher mal war und ging so zu Herzen,

mit Tanne und Lied, Adventskranz und Kerzen.


Weihnachtsoverkill (Edith Hoffmann; Treffen am 11.12.2015)

 

Jeden Abend in der Straßenbahn schau ich durch die Scheiben

und die Lichterketten singen: »Freude schöner Götterfunken«

Ich, die Tochter aus Dottendorf, spüre wie mein Aug' sich weitet

Freude legt sich auf Haut und Haar. Schon seit November seh' ich die Pracht

Menschen die es overkill nennen, kann ich nicht verstehen

Die Dunkelheit der Jahreszeit wird lieblich aufgehellt und Verse formen sich in mir:

 

Elektrische Lichterketten auf Bäumen

bringen abends mich zum Träumen

Ich möchte diesen Anblick nicht versäumen

drum fahre ich täglich mit der Bahn

und gucke mir das Funkeln an

In meinen Augen funkelt es auch

mir wird es warm im Bauch

Ich will diese Zeit nicht missen

denn nachts in meinen Kissen

geht es mir richtig gut

 

Dies zu sagen erforderte Mut

weil ich andrer Meinung bin

Ich bitte euch:

nehmt es wohlwollend hin


Weihnachtliche Idylle (Herbert Reichelt; Treffen am 11.12.2015)

 

Ein Reh, ein Tannenbaum, ein Elch

ein Engel, Mond und Sterne – welch

ergreifend’ Szene! Und dann mitten-

drin Sankt Niklas mit dem Schlitten.

Das alles leuchtet wie der Schnee

als Lichterketten – LED.

 

Mag sowas wirklich jemand leiden?

Bei Gott – den könnte ich beneiden!

So schmerzfrei durch die Weihnachtszeit,

das wär doch was! Doch ich bin’s leid!

 

Ach, hätt’ ich einen freien Wunsch!

Ich wählt’ nicht Glühwein oder Punsch.

Ich könnte nicht mehr an mich halten.

Ich würde euch den Strom abschalten.


Das Klavier (Stefanie Endemann; Treffen am 13.11.2015)

 

Es stand seit einer Generation im Wohnzimmer, schwarz und etwas verkratzt, ein typischer Staubfänger. Ab und zu hob jemand den Deckel und tippte auf ein paar Tasten, und das eingerostete, platzgreifende, unnütze Möbel gab unwillig dumpfe Töne von sich.

 

Seit Mama die Faxen dicke hatte mit dieser Familie, spielte sie nicht mehr, und die Perlen-Töne – etwa der Bach-Inventionen oder von »An Elise« – drangen nicht mehr durch die Räume und das Treppenhaus. Das Klavier – es hieß übrigens Eric, Eric Woodhouse, was in Brandmalerei auf seiner schwarzen Brust stand – döste meist stumm vor sich hin. Jahrelang. Vergessen und verstaubt fristete Eric seine Existenz, übte sich im Zusammenhalten des Rahmens, beherbergte Spinnen, mit denen er sich unterhielt, und widerhallte ganz, ganz leise, wenn die Diskussionen in dieser Fuck-Off-Family mal wieder so laut wurden, dass der Kronleuchter schwankte. Eric war recht zufrieden damit, vergessen zu sein.

 

Bis, ja bis einer kam, Rico, der Jüngste, den Deckel aufklappte und in die Tasten griff. Nicht wüst und scheppernd, mit beiden Fäusten auf sie einhämmernd wie es im Raptus gelegentlich Ricos ältere Brüder taten, so dass Eric gequält aufschrie ...

 

Nein, Rico legte einen Finger wie fragend auf eine der Tasten und lauschte fasziniert dem Ton, den Eric von sich gab, einem etwas dumpfen Geräusch. Die Saite war ja ganz verstaubt, aber dem Ton entrangen sich, etwas heiser, Obertöne, die sich auf dem Wege zu Erics Ohr wunderbar mischen wollten, Rico hörte das, was der Ton sagen wollte und saß ganz still. Dann rückte er heran und rührte mit einem Finger vorsichtig eine höhere Taste. Und noch eine.

 

Und wieder ereignete sich das Wunder: Eric begann zu sprechen, Eric sang, Eric trug mit immer klangvollerer Stimme sein Geheimnis vor, die schimmernden, schwebenden, kraftvollen Töne, die ihn und Rico in Zukunft verbinden würden. Rico ließ Eric noch einige Male sprechen und lauschte entzückt und versonnen, danach saß er

lange bei ihm, den Kopf voll Musik.

 

Beide wussten: Dies war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.


Du hast gewusst (Jorel; Treffen am 13.11.2015)

 

Du hast immer gewusst,

das es die Musik war die ich liebte.

Hast stundenlang am offenen

Fenster gesessen,

nur für mich deine Stücke geübt.

Wenn Tränen über meine Wangen rollten,

weil ich unfähig war,

so etwas Schönes entstehen zu lassen

wie diese Welt aus Gefühl.

 

Aus Sonnenschein und Vogelzwitschern

und wiederum aus Sturm und Donner,

hast du mich angelächelt

mit den Fingern

auf schwarz und weißen Rössern der Emotion.

Forderst mich,

Schreib es auf,

mach aus meiner Musik dein Märchen,

deine Geschichte.

Male die Zärtlichkeit aus Tönen

mit Farben auf dein Papier,

streichle mit deinem Können

mein Klavier.


KLAVIER (Akrostichon; Jorel; Treffen am 13.11.2015)

 

K

L

A

V

I

E

R

 

Kannst uns

Liebe lehren

Alles fühlen lassen

Vergessen machen das Leid

Innig verbinden

Emotionen schenken

Ruhe



Klavier (Jorel; Treffen am 13.11.2015)

 

So dunkel in der Ecke stehst du,

doch summ ich täglich Lieder,

die von dir ausgegangen.

 

Einst als Finger so warm und bgeschmeidig

über dich hinweg gehuscht.

Schwarz und weiß,

alle Saiten in Schwingung gebracht,

verzauberten den Raum,

sanft und melancholisch,

wütend und stark.

 

Alles war möglich

mit dir,

mein Klavier.


Klavier (Karlina Kellner; Treffen am 13.11.2015)

 

Ich rannte los. Rannte zu dem Ort, den ich so gut kannte. Ich lief durch Wiesen und Felder, und dann mitten in den Wald hinein. In meinen Wald, wie ich ihn nannte. Dort lief ich sofort zu dem Baum. Meinem Baum. In dessen Wurzeln ich so gern saß. Als ich jedoch dort ankam, stutzte ich. Mitten zwischen den Wurzeln stand ein Klavier. »Ein Klavier«, dachte ich. »Was hat ein Klavier hier zu suchen, bei meinem Baum!« Ich lief näher darauf zu. Das Instrument schien schon sehr alt zu sein. Ich drehte mich um und schaute nach einem Hocker. Doch da war keiner. Auf der Suche nach einem anderen Sitzplatz ließ ich meinen Blick erneut durch den Wald schweifen. Doch auf dem Boden lagen nur Laub, Nadeln und Äste. Wütend starrte ich auf das Klavier. Es besetzte meinen Platz! Weil ich im Stehen nicht nachdenken konnte, wurde mir schnell langweilig. Ich schaute wieder auf das Klavier und beschloss, das einzige Stück zu spielen, das ich konnte: den Flohwalzer. Ich lief auf das Klavier zu und hob die Finger auf die Tasten. Dann begann ich zu spielen. Doch schon nach den ersten zwei Tönen nahm ich die Finger wieder weg. Es klang schrecklich und verstimmt. Erneut fragte ich mich, was ein schwarzes, platzraubendes, verstimmtes Klavier in meinem Wald zu suchen hatte. Wo blieb der Gesang meiner geliebten Vögel? Plötzlich, als hätten sie mich gehört, tauchten sämtliche Vögel auf. Hätte ich nicht gewusst, dass ich sie damit vertrieben hätte, hätte ich laut gejubelt. Doch nicht wie sonst setzten sich meine Freunde nicht auf die Bäume, sondern auf das Klavier. Und sie begannen, darauf zu singen und auf den Tasten zu spielen, wie ich es bei einem verstimmten Klavier kaum für möglich gehalten hätte.


Klavier (Mainecoon; Treffen am 13.11.2015)

Für Nicholas Müller

 

Sie hastete durch den regnerischen Berufsverkehr. Lemmingeartiges Geschiebe am Busbahnhof, gesenkter Blick, zu müde, um zu denken. Schnelles Besetzen eines Fensterplatzes, Blick nach draußen, Stöpsel in die Ohren.

 

Ein leichter Anschlag, so behutsam, dass sie zunächst zweifelte, etwas gehört zu haben. Doch, ja, ein zweiter, dritter Ton, und ihr war, als würde ein Hauch über ihre Seele streichen. Rau setzte die Stimme ein, eine Stimme von weither, auch wenn sie kräftig war. Aber sie hatte im Schreien versagt, war durch viele Tränen gereinigt worden. Und doch hatte sie wieder zu sich gefunden, ihrem Ursprung tief drin.

 

Das Klavier beschränkte sich auf wenige Töne, eine unauffällige Unterstützung wie ein aufmunternder Blick. Und doch bildeten diese wenige Töne den Boden, auf dem die Stimme Zuversicht gewann. Ein Lied breitete sich auch wie ein Abgrund, in den der Sänger gestürzt und aus dem er wieder herausgekommen war.

 

Der Bus hielt, und im beschlagenen Fenster sah sie die Tränen in ihren Augen.


Oh Schock (Jorel; Treffen am 13.11.2015)

 

Oh Schock

Sofort

gehst du rauf auf dein Zimmer

Zieh dich um

so gehst bestimmt du nicht aus dem Haus

Dein Rock

sieht aus wie ein Gürtel nur

was man da sieht

alles Haut, ganz pur.

Ja denk nur

sie schauen dir all hinterher

und nachher

da will dich gar niemand mehr

Da bist du verschrien

nur wegen einem Minnirock

 

Ich renn verzweifelt in den ersten Stock

und runter komm ich in Asche und Sack


Was Kurzes (Jorel; Treffen am 13.11.2015)

 

Warte mal kurz

nur auf ein Wort

nein keine Panik

ich sülz dich nicht voll

mit meinen Gefühlen

noch mit den Ängsten

 

Erzähl dir gewiss nicht

einen Roman

über Mama und Papa

wie auf die Welt ich kam

 

Aber warte mal kurz

nur einen Augenblick

ich brauch von dir

nur einen Kick

der mich blicken lässt

über den Rand des Glases

das hier vor mir steht

was soll die Frage

was ich wohl trink

 

Ganz klar,

was Kurzes


Was Kurzes (Karlina Kellner; Treffen am 13.11.2015)

 

Seit Wochen wartete Oma auf ihre Häkelwolle. Eigentlich hatte sie nämlich geplant, allen eine Mütze zu Weihnachten zu häkeln. Am dritten Tag nach dem dritten Advent kam die Lieferung endlich an. Als das riesige Paket abgeliefert wurde, jubelte sie so laut, dass Opa die Zeitung aus der Hand fiel. Als sie es jedoch in die Hand nahm, kam ihr das Paket erstaunlich leicht vor. Doch sie überlegte nicht lange und riss das Paketband ab. Zuerst fiel ihr ein Zettel ins Auge:

 

Nach Annahme des Pakets ist kein Rückschicken mehr möglich.

 

Doch Oma machte sich nichts daraus, sondern warf den Zettel zur Seite. Dann jedoch schaute sie in das Paket und wurde augenblicklich wütend. In dem Karton lag ein fünf Zentimeter langer Wollfaden.


Was Kurzes (Mainecoon; Treffen am 13.11.2015)

 

Geboren – gewesen – gestorben.

Manche Biografie kann durchaus was Kurzes sein.


Was Kurzes (Herbert Reichelt; Treffen am 13.11.2015)

 

»Haben Sie nicht was Kurzes?«, fragte sie den Verkäufer. »Dieses lange Ding geht doch überhaupt nicht!«

 

Er schaute sie irritiert und fragend an. »Was Kurzes? Was meinen Sie denn damit? Etwas Kürzeres als das hier gibt es doch gar nicht. Mir ist jedenfalls bislang noch nichts Kürzeres begegnet.«

 

»Sie kennen gar nichts Kürzeres? Du meine Güte! Was ist denn das hier für ein Laden? Sie haben wirklich noch nie etwas Kürzeres gesehen? Ich fasse es nicht!«

 

Sie schien außer sich, und man sah ihr an, dass sie den Laden auf der Stelle verlassen würde, wenn jetzt nichts  Kürzeres  auf den Tisch kam.  Wenn er es verhindern wollte,  musste ihm  schnell  etwas einfallen. Er wollte die hübsche junge Frau auf keinen Fall aus seinem Laden vertreiben. Mindestens sollte sie Irgendetwas bestellen, damit er ihren Namen erfragen konnte.

 

Und dann hatte er die Idee: Er nahm das kleine Lyrikbändchen in die Hand und begann, Seite für Seite herauszureißen. Er schaute sie dabei liebevoll an und sagte mit fester Stimme: »Sagen Sie ›STOP‹, wenn es kurz genug ist!«

 

Als er bei der letzten Seite angelangt war, einem kleinen Liebesgedicht von herzzerreißendem Schmelz, rief sie – nein, sie hauchte: »STOP«, und sie sah ihn lächelnd an. »Na also«, flüsterte sie ihm ins Ohr, »geht doch!«

 

Und sie blieb noch auf eine Tasse Kaffee im Buchladen – vielleicht auch länger …



Nein (Jorel; Treffen am 14.08.2015)

 

Schon wieder stehst du da

Die Hände in den Hüften

Augen so trotzig

und Tränen kullern reichlich.

Du schüttelst den Kopf

das einzige Wort

das über deine Lippen kommt

ist Nein.

Dein Kinn zittert

du scheinst

immer kleiner zu werden.

Ich lächle

Nein

ein Mauseloch musst du nicht suchen.

Einfach so weil du sagst

»Nein ich war's nicht«

obwohl die Kuchenkrümel

an deiner Wange kleben

und du so schuldbewusst bist

Weil ich mich selber sehe in dir

streich ich dir übers Haar

und tu so

als wäre jedes Wort von dir wahr

mein Kind.


Nein II (Jorel; Treffen am 14.08.2015)


Vor der Ladentür die zu

stehe ich und schaue

Wie 20.00 Uhr?

ich glaub es kaum

Die Augen hinterm Glas sie lächeln

Nix wird’s mehr mit dem Menü

es sei

ich würde mich mal trauen

bitten, betteln um die Dinge

die so sehr ich brauche.

Die Hand winkt ab

es ist zu spät

komm'n Sie morgen wieder.

Nein sag ich

das wird wohl nichts.

Es gibt Pizza

und ich

komm nie mehr wieder.


Das erste Mal (Jorel; Treffen am 14.08.2015)

 

Das erste Mal

mit dir weit weg

im Zelt

ganz einfach ohne Schnörkel

mit einer Tasche auf der Walz

Am Fluss, im Tann

und auf der Wiese

Einen Apfel reichst du mir

probier doch einmal diesen

Ich wusste nicht, und kannte nicht.

hätts wirklich nie geglaubt

das du mir wie der Eva einst

die Unschuld noch mal raubst

Nun weiß ich wie es wirklich

ist so unterm Sternenzelt

wenn von der Wiese nebenan

begleitet wird mein Traum

von leisem Kuhgebimmel.


Du bist (Jorel; Treffen am 14.08.2015)

 

Du bist

mit Kind und Kegel

und einem kleinen Hund

gefahren in den Süden

zu suchen die blaue Stund.

 

Ich bin allein geblieben

am Fenster hier zu Haus

und ordne in der Vase

den lieb gemeinten Strauß.

 

Wir können nicht zusammen

allein wär's auch nicht fein

Du hast entschieden

bist gefahr´n

denn Urlaub muss ja sein.

 

Du wirst es mir erzählen

versprochen hast du's mir

was du erlebt im Campingbus

Ja alles gönn ich dir.

 

Das Chaos

und den Frieden

den du erleben wirst

Ich bleib auf meinem Balkon

Es ist ein Hochgenuss


Der folgende Beitrag entstand im Schreibwerkstatt-Treffen am 19. Juni 2015. Zu dieser Zeit stellte

im Glaskarree, in dem wir uns treffen,

der Künstler Odo Rumpf seine Stahlskulpturen aus,

und wir entschlossen uns, als Schreibthema

unter Bezug auf die ausgestellten Kunstwerke

das Stichwort »Die rostigen Gesellen« zu wählen.

 

Die rostigen Gesellen

(Stefanie Endemann; Treffen am 19.06.2015)

 

Auf dem Bauhof von Atopia zwitschern die Vögel, die Idylle wird durch Motorengeräusch oder sonstigen Lärm nicht gestört, wie es früher wohl war. Ich erinnere gar nicht mehr richtig, wie sich so etwas anfühlt.

 

Man hat mich von der Zentrale hergeschickt, ich habe mein Maultier draußen angebunden, das wuchtige Bohlentor aufgestoßen, bin in den Hof getreten und schaue mich um. Rotes Glas starrt mich an. Finger aus rostigen Drähten zeigen auf mich.

 

Wie die Meisterin gesagt hatte, dort stehen sie, die Rostigen Gesellen, sehr rostig, sehr schmutzig, sehr, sehr verkommen.

 

Es hängen Drähte, es krümmen sich unansehnliche Festplatten. ringeln sich zerfetzte bunte Kabel. Halb aufgelöstes Plastik zeigt kranke, abartige Farben. Batterien schmoren giftig in der Sommerhitze, Dahinter richten sich die Roboter mit Greifarmen und Teleskopaugen, schändliche Parodien des Menschengeschlechtes. Angewiesen und gewarnt, vorsichtig zu sein, trete ich näher.

 

Der Kontrast zu draußen könnte nicht größer sein. Alles in der Nähe dieser Metallburschen wirkt unordentlich, schmutzig und hässlich. Selbst die vorwitzigen Löwenzahnblumen. die überall herausschauen, sehen räudig und verkümmert aus. Glücklicherweise ist das meiste von Winden und Efeu - sie scheuen sich vor gar nichts - überdeckt und überrankt. Alles bis auf die Stellen, die keinerlei Bewuchs aufweisen, sondern den Blick auf nackte, arme Erde und unappetitlich schillernde Erdölsoßen freigeben. Mobilphones und Tablets stapeln sich in den Ecken zu Bergen. Ich fühle mich krank. Nur Unbrauchbares oder Giftiges ist es. was uns die angebliche Zivilisation unserer Großeltern und Eltern hinterließ. Nach dem Zusammenbruch war unter den Überlebenden der Konfuzius-Rat zusammengetreten. Man wollte beim Neuanfang alles anders gestalten. Das hieß für uns neue Generationen des Aufbaus der Rückgriff auf die einfachen, wahren und tauglichen Lebensprinzipien der Urahnen, der Achtung der Umwelt, ernsthafte Ausbildung in Gesängen und Tänzen, Ächtung der praktischen Mathematik und der mechanisch-technischen Künste, sofern sie über Spiel und intellektuelle Übung hinausgehen und in den Alltag vordringen. Die Ächtung des Kriegs sowieso, und die Meister mussten sofort eingreifen und Kinder und Erwachsenen isolieren, die kriegerische Gelüste entwickelten und asoziale Instinkte zeigten. Es gab da zuverlässige Kriterien ...

 

Der Anblick- nach gerade vierzig vergangenen Jahren - ist entsetzlich, macht beklommen. Jetzt erst begreife ich recht, was man mich in der Konfuzius-Schule gelehrt hatte und wie intensiv die Meister die Katastrophe als die endgültige Lehre begriffen hatten und wie wesentlich und wichtig es gewesen war, den spirituellen Weg einzuschlagen, - Und welch ein Vorzug es war. dass besonders viele Personen aus entlegenen Gebieten überlebt hatten, die seit jeher viel Geist und wenig materielle Ressourcen besessen hatten. Die konnten, mussten und müssen unsere Lehrer sein. Einfach war es keineswegs gewesen, diejenigen auszuschalten, die auf neues Unheil sannen, die auf dem falschen Wege neu beginnen wollten, gar nicht einfach, doch endlich waren sie besiegt worden und unter die Erde und in die Berge verbannt, wo sie zwischen ihren Ölablagerungen, unter ihren mit ihnen dorthin verbrachten untauglichen Düsenjägern, Panzern und Raketen weiter existieren und wirken mochten, was sie taten: Ab und zu ging ein Sprengkörper von unten hoch und verwüstete weiträumig unsere Landschaft.

 

Damit musste und muss gründlich ein Ende gemacht werden. Auch dies Museum "Bauhof Atopia"' muss endgültig vernichtet werden.

 

Wir Guten müssen endlich unbehelligt von derartigen Erinnerungen unserer Weisheit leben können, geschützt vor Ekel und Widerwillen gegen dies Alte, die Rostigen Gesellen, das Verrottete muss auf ewig verschwinden, und mit ihnen der Wahn und die Hoffnung auf Wiederherstellung jener mörderischen Zivilisation. Kein Museum mehr: auch die letzte materielle Erinnerung muss gelöscht werden.

 

Der Anblick hilft uns nicht. Im Herzen Ekel. Widerwillen und Groll häufe ich Blöcke, schichte Klötze, sammele Reisig, schlage Feuer aus dem mitgebrachten Zunder und vernichte dies Museum des schändlichen Paradieses. Es knattert und stinkt ungeheuerlich, eine übelfarbene Lohe schlägt zum Himmel.

 

Aus der Ferne betrachte ich lange, allzu lange dies Feuermeer.


Der folgende Beitrag entstand im Schreibwerkstatt-Treffen am 19. Juni 2015. Zu dieser Zeit stellte

im Glaskarree, in dem wir uns treffen,

der Künstler Odo Rumpf seine Stahlskulpturen aus,

und wir entschlossen uns, als Schreibthema

unter Bezug auf die ausgestellten Kunstwerke

das Stichwort »Die rostigen Gesellen« zu wählen.

 

Die rostigen Gesellen

(Susanne Meyer; Treffen am 19.06.2015)

 

Die rostigen Gesellen

vom Gymnastik-Club »Ahoi«

treffen einmal sich die Woche,

geben sich den letzten Deu.

 

Keiner ist da unter 80,

alle plagt das Rheuma und

mit den Knochen geht´s so leidlich,

aber flott geht´s mit dem Mund.

 

»Wisst ihr damals noch«, sagt Willi,

»damals ging ich in die Knie

vor der wunderschönen Lilly,

heute hab´als Frau ich sie.«

 

»Ach ja damals«, schwärmt der Hermann,

»damals ging der Kopfstand noch,

für die zauberhafte Berta,

heut´ pfeif ich aus dem letzten Loch.«

 

Aber so ein wenig Training

für den Zungenmuskel doch

heiter und beschwingt wie heute,

also das geht immer noch !


Der folgende Beitrag entstand im Schreibwerkstatt-

Treffen am 19. Juni 2015. Zu dieser Zeit stellte

im Glaskarree, in dem wir uns treffen,

der Künstler Odo Rumpf seine Stahlskulpturen aus,

und wir entschlossen uns, als Schreibthema

unter Bezug auf die ausgestellten Kunstwerke
das
Stichwort »Die rostigen Gesellen«
zu wählen.

 

Die rostigen Gesellen
(Herbert Reichelt; Treffen am 19.06.2015)

 

Auch wenn sie dich charmant umgarnen,

du solltest sie nicht gleich umarmen.

Der Rost färbt in die Kleider aus.

Das kriegst du niemals wieder raus!

 

Drum lass die rostigen Gesellen

in ihren Eisenschrott-Gestellen

ganz einfach ohne Schmusen steh’n.

Sie werden nicht von dannen geh’n.

 

Erfreu dich an der Monsterschau,

dem kuriosen Drahtverhau!

Doch auch, wenn sie dir harmlos schienen,

ein Tipp: Träum‘ besser nicht von ihnen! 


Hin und weg (Susanne Meyer; Treffen am 19.06.2015)


Anton schwärmt für die Luise,

keine küsst so süß wie diese,

zu ihr zieht´s ihn immer hin,

hat da einiges im Sinn.

 

Doch Luise zeigt sich spröde:

»Ja, nein, vielleicht ... ich weiß nicht recht.«

Das findet unser Anton öde,

ärgerlich und ungerecht.

 

Ist er doch ein Schwerenöter,

hat´s bei jeder noch geschafft,

gibt sich soviel Mühe, aber

hier wird er nur angeblafft.

 

Eines Tages sieht er plötzlich

sein Luischen vor sich geh´n,

Hand in Hand mit Irmintrude,

nein, das will er gar nicht seh´n.

 

Ach, was für ein herber Schreck!

Das will er nun gar nicht sehen,

nein, da will er nur noch weg !


Hin und weg! (Herbert Reichelt; Treffen am 19.06.2015)


Manchmal bin ich hin und weg

von Versen, die ich lese.

Doch oft vermisse ich den Gag:

kein Reim, kein Rhythmus – nur als These,


so kommt dann das Gedicht daher.

Und ach, dann fällt’s mir wirklich schwer,

das Werk als Lyrik zu begreifen.

Gut, man lässt Gedanken schweifen,


mag ja auch sein, ’s ist hohe Kunst.

Doch die gewinnt nicht meine Gunst.

Denn was wär Lyrik ohne Reimen?

Ein Pfleimenbaum, ganz ohne Pfleimen!


KICHER (N) (Edith Hoffmann; Treffen am 22.05.2015)

 

Ich rolle Kichererbsen zu dir

schenk du mir deine Kulleraugen

Hörst du das Kikeriki

draußen vom Hof?

Die Bären gehen zur Ruh

Ameisen krabbeln über den Weg

Pappeln brabbeln

leise das Nachtgebet

 

Winterstürme sind lange gegangen

das Johannisfeuer ist abgebrannt

 

Mein Kindchen,

schließe deine Kulleraugen

Die letzten Blätter rascheln für dich

nehmen dich mit in ihre Träume

 

Morgen früh weckt dich wieder das Kikeriki

Die braunen Bären schlecken wieder Honig

 

Still mein Kleines,

leise singt der Abendwind

nur für dich, mein Kind


VERSCHWENDUNG (Edith Hoffmann; Treffen am 22.05.2015) 

 

ich verschwende meine Zeit mit dir

und du dankst mir nicht dafür

bist so von dir eingenommen

lässt mich nicht zu Worte kommen

gießt deinen Redeschwall über mich

und wo bleibe ich, ich, ich

 

warum hast du mich erwählt

hast mir von Liebe was erzählt

wirfst mir vor Geld zu verschwenden

sag, wie soll das mit uns enden

 

meine Kleider hören mir zu

ebenso die guten Schuh

drum kauf ich ohne Unterlass

Kleidung mir zu meinem Spaß

 

das ist keine Verschwendung

damit fühl ich mich jung

deine Sermone machen mich alt

überhaupt – du lässt mich kalt

 

lass mich verschwenden was ich will

und sei endlich, endlich still


Verschwendung (Jorel; Treffen am 22.05.2015)

 

Pure Verschwendung

Die Zeit in der ich hoffnungsvoll

wie angekettet

in meinen Räumen blieb

Du könntest ja kommen

Verschwendet hat in solchen Stunden

gar die Sonne ihre Kraft

Verschwendung all das Wasser

dass mir aus den Augen floss

Jeder Gedanke pure Verschwendung

Gott sei Dank

heut bin ich dich los


GARTENARBEIT (Edith Hoffmann; Treffen am 24.04.2015)

 

Garten und Arbeit, –

wer hat sich das ausgedacht?

In Nachbars Garten lächeln die Primeln, Ranunkeln, Narzissen.

Ich lächele zurück – von meinem Balkon. Die Blümelein singen mir ihr Lied.

Es geht ihnen gut. Mir auch. Hat doch nichts mit Arbeit zu tun. Lächeln und Singen strengen doch nicht an.

Mit dem Nachbarn selber habe ich noch nie gesprochen, ich sehe ihn immer nur gebückt von hinten.

Konversation muss ja nicht sein. Die Blumen sprechen ja zu mir.

»Lasst Blumen sprechen!«, ist wohl so ein gängiges Wort.

Hört, was sie mir zuraunen!

 

Liebe Editha höre uns zu

mit uns findest du deine Ruh

wir reden kein Schmäh und Schmuh

bei uns ruft nie einer Buh

selbst vom Bauernhof die Kuh

nickt uns zu, das ist DER Clou

 

Blumen im Garten kennen keine Arbeit. Habe ich ja gleich gesagt.

So was Unsinniges: Garten und ARBEIT.


Gartenarbeit (Jorel; Treffen am 24.04.2015)

 
Meine Bürde, meine Last
trag ich auf dem Rücken
Perlen werf' ich übern Acker
denke voll Entzücken
an den Segen den sie bringen
doch die schwarze Krähe lacht,
folgt mir auf dem Fuße
fordert mich sie mehr zu füttern
gönnt mir keine Muße
geh nur geh, krächzt glänzend sie
such die blaue Blume
So werf' ich weiter recht behänd
Perlen in die braune Krume
Etwas wird sich schon verankern
etwas wird schon bleiben
Wie ein Wort wie ein Gedanke
wird es keimen, Früchte tragen
wird beizeiten mich dann laben
und mein Hunger wird vergehn.


GARTENARBEIT - Akrostichon (Jorel; Treffen am 24.04.2015)

 

G

A

R

T

E

N

A

R

B

E

I

T

Ganz und gar

angeregt

ruhelos

traktiert mich der

Entschluss

Natur zu gestalten

Ackerarbeit

regt an und

beruhigt

eint Körper und Geist

ist Inspiration, Hochgefühl

Teil eines guten Lebens.



Gartenarbeit (Jürgen Laue; Treffen am 24.04.2015)

 


Gartenarbeit?

 

 

Gartenarbeit!

 

 

Garten?

 

 

Arbeit!



Wortschatz (Jorel; Treffen am 24.04.2015)

 

Kein Wort mein Schatz

ist je zuviel

in dieser Welt gesprochen

es kommt darauf an

ob du ihn findest

den Schatz

der tief im Wort verborgen

Die Feinheiten

das klare Wissen

ist das

was du wirst suchen müssen

Strahlend Wahrheit sich ergießt

wenn du nicht den Geist verschließt


WORTSCHATZ - Edelsteine (Jorel; Treffen am 24.04.2015)

W

O
R
T
S
C
H
A
T
Z

Weißgold

Opal

Rubin

Topas

Saphir

Citrin

Heliotrop

Aquamarin

Türkis

Zultanit












Durch sein Wort

durch seinen Willen

bindet der Mensch

fein ziseliert und geschliffen

die Schätze der Erde

zu seinem Vergnügen

allein um seiner

Augen Lust zu stillen

Ist die Welt in Knechtschaft



WORTSCHATZ - Akrostichon (Jorel; Treffen am 24.04.2015)

W
O
R
T
S
C
H
A
T
Z

Wenn auf die Suche geht der Geist

Orte der Ruhe zu finden

regiert das Wort auf seine Art

treibt Blüten in der Fülle

sendet voller Leichtigkeit ein

Credo

hoch zum Himmel

Ahnungen werden zum

Teil des Lebens

Zeit birgt aller Worte Schatz



Wortschatz (Jürgen Laue; Treffen am 24.04.2015)

 

Du Schatz, mir fehlen die Worte. Wie schön Du Dich heut ausgedrückt hast.

Wort für Wort, Schatz!

Ich? Wie? Was? Hab‘ ich was Falsches gesagt?

Schatz, was Du sagst ist doch immer falsch. Wort für Wort, Schatz!

Aber heute klang es einfach schön. Wort für Wort, Schatz.

Dafür darfst Du Dir von mir wünschen, was immer Du willst!

Du, ich nehm‘ Dich beim Wort, Schatz!


Wortschatz (Herbert Reichelt; Treffen am 24.04.2015)

 

Viele Worte geb' ich ein

auf dem Smartphone. Wie gemein,

hab nur einmal falsch gedrückt,

und schon war’s enorm verzwickt,

denn die Worte waren weg.

Handys sind der letzte Dreck!

 

»Sag, an welchem Speicherorte

finde ich denn jetzt die Worte?«

 

»Das kann ich dir auch nicht sagen,

musst du ‘nen Experten fragen.«

 

»Künftig schreib‘ ich wieder Briefe,

ganze Sätze mit viel Tiefe.

Da kann ich auch nichts falsch drücken,

und mein Wortschatz wird verzücken.«


Müde (Elmar Hucko; Treffen am 13.03.2015)

 

Müde bin ich geh zur Ruh

Mache noch das Fenster zu

Höre noch das Deutschlandlied

Himmelherrgott bin ich müd


Zehen (Stefanie Endemann; Treffen am 13.03.2015)

 

Das waren Zeiten, da ich sorglos nicht nur am Daumen lutschte, sondern mühelos auch am großen Zeh. Es musste der linke sein, da war ich ziemlich festgelegt. Der rechte schmeckte einerseits nicht so gut und war auch andererseits mühseliger zu fassen und anzuziehen. Beim Griff nach dem rechten Zeh geschah es ja immer wieder, dass mir das Bein durchschnappte, das ich mit verhältnismäßig großem Kraftaufwande, mich hochziehend, neu in Position bringen musste.

 

Anders mit der linken Seite. Ja, ja, ja, ich hatte ersichtlich schon eine deutliche Affinität zur Linken, als ich vergnügt und gerundeten Rückens, den geliebten Linken im Munde, fragend in die Welt hinausschaute, soweit sie sich mir in meiner angenehm rundgeschlossenen Lage erschloss, und frohgemut mein kleines Leben lebte. Meine Klagen brüllte ich ohne Hemmungen in die Welt, was meist auch bald zur Besserung führte. Doch zur Äußerung des Schmerzes nutzte ich nicht den Zeh der Zufriedenheit. Der Zeh war zart und weich, mit mildester Babyhaut und mit einem angenehm prickelnden Widerstand vom fein ausgebildeten Nagel versehen, und ich sog bequem und nachdenklich daran und hatte, ohne mir dessen bewusst zu sein, bereits das Maximum der ruhigen Einheit von Geist und Körper erreicht, das mir vergönnt sein sollte. Ja, in dieser Situation kamen mir die besten Träume und Gefühle; mein Säuglingskopf wusste nichts von aneckenden Ideen und kränkenden Gedanken. Von Beruf war ich Säugling, und saugen tat ich ja nach allen Kräften, was sonst? Und oft empfing ich angenehm unterhaltenden Besuch.

 

Im Grunde lief alles, wonach Philosophen streben, im Zeh zusammen: Alles war klar, unzweifelhaft, rund, und unlösbare Fragen waren noch nicht erfunden. Kein Grund, erwachsen zu werden – außer der fatalen Disposition dazu.

 

Irgendwann spaltete sich diese Einheit, dieses beneidenswert arrondierte Einverständnis mit mir selber. Fuß, Zeh und Nagel entfernten sich zusehends von mir, Entfremdung trat ein. Seit ich mich mit meinem Zeh nicht mehr zu so großer Innigkeit verschränken konnte, trat ein Missgeschick nach dem anderen ein, stolperte ich durchs Leben und in Fallen, riss mir den Nagel auf, litt unter kalten Füßen, auch metaphorisch gesprochen, das Haupt schwankte oben und kam auf dumme Ideen, während die einsamen Füße unten, verkannt und zu ewiger Knechtschaft verurteilt, fern, knotig, rau und rissig wurden. Ich kannte sie nicht mehr, hochnäsig, wie ich geworden war, wollte nichts mehr von ihnen wissen, den schrundigen Dienern, den Getretenen, Verschmähten und Vergessenen.

 

Verzeiht mir, ach, ihr Lieben, wie konnte das nur geschehen!


Zehen (Elmar Hucko; Treffen am 13.03.2015)


Bei den meisten Akten

Sind die Zehen nicht zu sehn

Dabei sind sie oft sehr schön

Schöner manchmal als die Brüste

Wenn die Malerin das wüsste

Würde sie die Zehen zeigen

Und dazu nicht länger schweigen

Die Moral von dem Gedicht

Ohne Zehen geht es nicht 


Der Zeh tut weh (Herbert Reichelt; Treffen am 13.03.2015)

 

Alles, alles tut mir weh,

ganz besonders auch mein Zeh,

ganz egal, wie ich auch geh',

ja, und selbst, wenn ich nur steh'.

 

Gibt's denn wirklich keinen Dreh
gegen Schmerz im großen Zeh?

Ach, ich setz' mich ins Café,

und ich trinke einen Tee.

 

Und ich träum' von Übersee.
Dann tut mir auch nichts mehr weh.


Einsichten (Anja Martin; Treffen am 13.02.2015)

 

Ich hätte es wissen müssen. Das heißt: Eigentlich wusste ich es schon, als ich die Augen aufschlug an jenem grau verhangenen Morgen. Da war sie wieder, diese bleierne Müdigkeit, die mich seit Wochen fest im Griff hielt. Mein Kopf war schwer. Mein Herz war schwer. Meine Glieder waren schwer.

 

Welchen Sinn machte es da, aufzustehen?

 

Einfach liegenbleiben, dachte ich, und den Tag im Bett verbringen. Dem Regen lauschen, dabei Kaffee trinken und hin und wieder wegdösen.

 

Ja. So wollte ich es machen. Doch musste ich auch dazu aufstehen. Wie sonst sollte der Kaffee ans Bett kommen? Dieter war ja nicht mehr da. Einfach gegangen. Wegen einer Lappalie. Weil ich ihm ziemlich direkt, und zwar erst nachdem er mir doch tatsächlich –

 

Aber ich schweife ab. Es ging ums Aufstehen.

 

Mühselig schälte ich mich unter den Bettdecken hervor – es waren immer noch zwei –, bugsierte meine Füße auf den Boden und tapste in Richtung Küche. Dabei stieß mein kleiner Zeh gegen den Bettpfosten. Das tat weh! Ein brüllender Schmerz, der in diesem Moment peinigender war als das Ende der Beziehung zu Dieter.

 

Trauer, Qual und Schrecknis – wie weggeblasen. Weil ich mir den kleinen Zeh gestoßen hatte.

 

Das veränderte meine Weltsicht. Und meine Sicht auf die Liebe – zumindest auf die zu Dieter.

 

PS: Falls jetzt irgendjemand glaubt, ich schriebe hier Tagebuch: Weit gefehlt. Ich habe mir den Zeh nicht angestoßen.


Lust und Schmerz (Herbert Reichelt; Treffen am 13.02.2015)

 

Zusammensein woll’n Schmerz und Lust.

Man hat’s ja immer schon gewusst.

Nun sind Bondage und SM

ein Kinohit. Ich frag mich, wenn

das Kino Schmerz und Lust vereint,

wird im Film dann auch geweint?

Ach, bestimmt wird auch geflennt,

und ganz zum Schluss gibt‘s happy end.

 


Eine herrliche Woche
(Anja Martin; Treffen am 13.02.2015)

 

Die Woche ist es leid. Sie hat so viele schöne Tage, aber alles dreht sich nur um den Sonntag. Das will ihr nicht einleuchten. Und dann hacken alle auf dem Montag herum. Warum eigentlich? Der ist doch ganz in Ordnung. Viele feiern ihn sogar, allerdings krank - und ziehen sich die Decke über den Kopf.

 

Ein Rätsel ist ihr auch der Samstag. Da haben viele Menschen frei – aber jede Menge zu tun: Einkaufen, das Auto in die Waschanlage fahren, ins Theater gehen, die Steuer erklären. Und das Ganze für den Sonntag - damit Zeit genug bleibt für das andere Müssen: in die Kirche gehen, mal ein Buch lesen, spazieren gehen, sich erholen.

 

Das hat sich die Woche nun lange genug mitangesehen. Und sie ist es, wie gesagt, leid. Morgen, so nimmt sie sich vor, wird alles anders werden. Da wird sie den Montag auf den Freitag, den Mittwoch auf den Samstag und den Tatort auf den Dienstag verlegen.

 

Sie lacht, als sie sich die Menschen und all ihre Versuche vorstellt, Sinn und Struktur in den neuen Ablauf zu bringen. Irgendwann wird es ihnen gelingen. Das ist klar. Aber dann würde die Woche ihre Tage erneut durcheinanderwürfeln, wieder und wieder – so lange, bis die Menschen aufgeben. Vielleicht, so hofft die Woche, entdecken sie dann die Freiheit und Schönheit, die jedem ihrer Tage innewohnen. Es wäre immerhin möglich.


Eine herrliche Woche
(Herbert Reichelt; Treffen am 13.02.2015)

 

Er wollte einfach nur raus, raus aus diesem fürchterlichen Alltagstrott. Jeden Tag musste er sich durch diese Berge von Steuererklärungen kämpfen, Belege überprüfen, Daten auf Plausibilität befragen – und immer mit dem sicheren Gefühl, doch nicht alles zu entdecken, was man ihm da unterschummeln wollte.

 

Für eine Woche war jetzt Schluss damit. Eine Woche Sylt, das hatte er sich redlich verdient. Und er verspürte schon während der langen Zugfahrt eine unbändige Vorfreude. Es würde eine herrliche Woche werden. Das Wetter war gut, die Sonne schien zum Fenster des Bahnwaggons hinein. Am blauen Himmel verloren sich vereinzelte weiße Schäfchenwolken. Und wenn die Wetterfrösche Recht behalten sollten, dann würde es die gesamte Woche über so schön bleiben.

 

Als der Zug über den Hindenburgdamm fuhr, fühlte er sich wie erlöst. Er empfand es wie eine Flucht in die Freiheit. Doch dann bemerkte er ein merkwürdiges Ruckeln. Und fast schien es ihm, als würde sich der Waggon ein wenig zur Seite neigen. Irgendetwas stimmte da nicht, ging es ihm durch den Kopf.

 

***

 

Wie lange hatte sie darauf warten müssen? Nahm dieser Mensch denn überhaupt keinen Urlaub? Endlich war es jetzt so weit. Zwar nur eine Woche – aber immerhin. Wie schön das war, wenn sie morgens ins Büro kam und nicht in dieses mürrische Gesicht schauen musste. Endlich konnte sie sich ungestört mit den Steuererklärungen befassen, und vor allem konnte sie auch hin und wieder mal ein Auge zudrücken, wenn es ihr angemessen schien, und zwar ohne dass dieser penetrante Miesepeter ihr dazwischen funkte. Angemessen fand sie die zugedrückten Augen zumeist dann, wenn es sich um ledige junge Männer handelte, die offenkundig nicht im Geld schwammen, und die vor ihrem geistigen Auge ein sympathisches Aussehen entwickelten. Wie diese Männer das genau schafften, und warum anderen das nicht gelingen wollte, hätte sie gar nicht sagen können. Sie kannte die Männer ja gar nicht. Aber es war einfach so, und sie wollte es auch gar nicht hinterfragen.

 

Eine herrliche Woche würde das werden! Ach, könnte es doch immer so sein, dachte sie. Sie öffnete ihre Schreibtischschublade und holte die Puppe heraus. Dann nahm sie die große Stahlnadel in die Hand und bohrte sie der Puppe durch die Brust. Vor ihrem geistigen Auge entstand ein wunderschönes Bild. Wie der Hindenburgdamm unter der schwerer werdenden Last des Zuges begann nachzugeben, wie erste größere Brocken den Bahndamm hinunter rollten. In der Mitte des Zuges löste sich ein Waggon aus dem Verbund und neigte sich ganz langsam zur Seite. Und dann rutschte er mit einem Gemisch von Schotter und Erde mit dem Dach voran in die schlammigen Fluten.

 

Es würde eine herrliche Woche werden …


 

Der folgende Beitrag entstand im Schreibwerkstatt-Treffen
am 12. Dezember 2014. Zu dieser Zeit fand im Glaskarree,
in dem wir uns treffen, die Ausstellung »Kunst im Kasten« statt,
und wir entschlossen uns, als Schreibthema die ausgestellten
Kunstwerke zu wählen.
Elmar Hucko wählte das Kunstwerk »Monsieur Gaston«
von
Hetty Liebelt

 

Gaston der Maler

(Elmar Hucko; Treffen am 12.12.2014)

 

Gaston der Maler schaut aus dem Rahmen

Er malt am liebsten schöne Damen

Ob angezogen oder nackt

Fast jede hat er angepackt

Doch keine hat ihm nein gesagt

Denn nichts ist schöner hier auf Erden

Als von Gaston gemalt zu werden


Der folgende Beitrag entstand im Schreibwerkstatt-Treffen
am 12. Dezember 2014. Zu dieser Zeit fand im Glaskarree,
in dem wir uns treffen, die Ausstellung »Kunst im Kasten« statt,
und wir entschlossen uns, als Schreibthema die ausgestellten
Kunstwerke zu wählen.
Herbert Reichelt wählte das Kunstwerk »Monsieur Gaston«
von
Hetty Liebelt

 

Dialog über den Maler Gaston
(Herbert Reichelt; Treffen am 12.12.2014)

»Ach, dieser Maler! Ja, wenn ich das könnte – Malen! Was wäre das für ein Leben!«

»Ach, hör doch auf! Das kannst du doch! Schau doch mal genau hin! Meinst du denn wirklich, diese Farb- kleckse auf der Palette würdest du nicht hinkriegen?«

»Ja, die Palette schon – vielleicht. Aber darum geht es doch gar nicht. Ich meine, der hat doch nicht nur die Palette mit seinen Klecksen beschmiert. Der hat doch auch schöne Bilder gemalt. Solche lichtvollen Tupfer wie bei Monet oder einzigartige verwaschene Farbflächen wie bei Turner. Um die Palette geht es doch gar nicht.«

»Woher weißt du das denn? Hast du denn schon Bilder von ihm gesehen? Er sitzt doch den ganzen Tag nur da, mit seiner Baskenmütze und dem starren Blick. Ich sage dir: Ich war am Montag schon hier. Da saß er schon genau so indisponiert mit seiner Palette in diesem Kasten. Fast könnte man meinen, er hätte sich seitdem überhaupt nicht bewegt.«

»Das sieht nur so aus. Nein, nein, er sitzt nicht einfach nur in seinem Kasten. Er hat ganz bestimmt auch wunderschöne Bilder gemalt. Schau dir doch nur mal die Tapete auf der Wand hinter ihm an. Da ist doch ein Rheintal wie bei Turner mit den Händen zu greifen. Nur so ein verlaufener roter Farbfleck für Ehrenbreitstein fehlt noch – dann wär’s doch fast ein echter Turner.«

»Ja, aber die Tapete hat er doch gar nicht selber bemalt. Damit hat er doch eigens eine berühmte Künstlerin beauftragt – die Hetty Liebelt aus Bad Godesberg. Nein, ich glaube, du machst dich zu klein. Mit diesem Maler und seiner Palette könntest du bestimmt mithalten.«

»Meinst du wirklich? Gut, dann will ich es mal versuchen. Aber zuerst muss ich mir dann auch so eine Baskenmütze kaufen, sonst kann das nichts werden. Und dann bemale ich die Tapete in unserem Wohnzimmer – aber auf jeden Fall mit einem roten Fleck für Ehrenbreitstein!«