Leseproben aus dem Jahre 2016 (Januar - August)


Zu den Stichworten »Musik - Sommernachtstraum« (Treffen am 19.08.2016)

Meditation zur Musik »Sommernachtstraum«: Der Alte (Stefanie Endemann)

Musik I (Jorel)

Musik II (Jorel)

 

Zu den Stichworten »Gedankenkorb - schwarz - Dein Leben - Kühltasche - Inhalt - Einkaufstasche«
(Treffen am 29.07.2016)

Gedankenkörbe (Jorel)

Dein Leben (Jorel)

Gedankenkorb - schwarz - Dein Leben - Kühltasche - Inhalt - Einkaufstasche (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Schwarzer Beutel« (Treffen am 29.07.2016)

Schwarzer Beutel (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Ausgewählt« (Treffen am 29.07.2016)

Ausgewählt (Edith Hoffmann)

Am Anfang (Jorel)

Aus der Sammlung (Jorel)

Thai-Fußball (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Erinnerungen« (Treffen am 29.07.2016)

Ich erinnere mich nicht (Jorel)

Mit meinen Fingern (Jorel)

 

Zum Stichwort »Woher kommt der Gedanke?« (Treffen am 01.07.2916)

WUKU tanzt (Stefanie Endemann)

Woher kommt der Gedanke? - Version I (Edith Hoffmann)

Woher kommt der Gedanke? - Version II (Edith Hoffmann)

Gedanke (Jorel)

BREXIT {und der Prince of Wales} (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Auf die Schnelle« (Treffen am 01.07.2016)

Augen auf (Jorel)

Poker (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Ich überlasse es Euch« (Treffen am 03.06.2016)

Josef (Stefanie Endemann)

An den Ufern des Flusses (Jorel)

Ich überlasse es Euch (Jorel)

Die Straße ins Licht (Jorel)

Partnerwahl (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort: »Der kommt hier nicht rein!« (Treffen am 03.06.2016)

Der kommt hier nicht rein (Stefanie Endemann)

Du kommst nicht rein (Jorel)

Litanei'n (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »(Etwas) Banales« (Treffen am 06.05.2016)

Banal - Akrostichon (Jorel)

Banal I (Jorel)

Banal II (Jorel)

Der Fluch der Ess- und Trinkkimos (Alexander Mühlen)

Gern mal was Banales (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Rien ne va plus« (Treffen am 06.05.2016)

Nichts geht mehr (Stefanie Endemann)

Nichts geht mehr (Edith Hoffmann)

Nichts geht mehr I (Jorel)

Nichts geht mehr II (Jorel)

Blühender Garten (Alexander Mühlen)

 

Zum Stichwort »Brezel« (Treffen am 08.04.2016)

Brezeln (Stefanie Endemann)

Bretzel I (Jorel)

Bretzel II (Jorel)

Bretzel - Akrostichon (Jorel)

Brezn (Mainecoon)

Gebrezelt (Alexander Mühlen)

Brezel an der Wand (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Blüten« (Treffen am 08.04.2016)

BLU(E)TEN (Edith Hoffmann)

Blüten I (Jorel)

Blüten - Akrostichon (Jorel)

Scheingefecht (Mainecoon)

Blüten (Alexander Mühlen)

Tatort-Blüten (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Verfallsdatum« (Treffen am 11.03.2016)

Verfallsdatum (Stefanie Endemann)

Verfallsdatum ??? (Edith Hoffmann)

Verfall und Leben (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Das blühende Leben« (Treffen am 11.03.2016)

Start eines Schattenspringers ins blühende Leben (Edith Hoffmann)

 

Zum Stichwort »Sofa« (Treffen am 11.03.2016)

SOFA (Edith Hoffmann)

 

Zum Stichwort »Vögel« (Treffen am 12.02.2016)

Lehrmeisterin Natur (Mainecoon)

 

Zum Stichwort »Ein schönes Bild« (Treffen am 12.02.2016)

Ein schönes Bild (Edith Hoffmann)

ohne Titel (Mainecoon)

 

Zum Stichwort »Das zerbrochene Werk« (Treffen am 15.01.2016)

Das zerbrochene Werk (Edith Hoffmann)

Das zerbrochene Werk (Jorel)

Porzellan (Jorel)

Leben (Jorel)

Das zerbrochene Kunstwerk (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Fahrschule« (Treffen am 15.01.2016)

Fahrschule (Jorel)

 

Zum Stichwort »Gar nichts« (Treffen am 15.01.2016)

GAR NICHTS (Edith Hoffmann)

Gar nichts (Jorel)

Gar nichts (Herbert Reichelt)

 

Zum Stichwort »Von hinten« (Treffen am 15.01.2016)

Von hinten (Edith Hoffmann)

Von hinten (Jorel)

 

 

 

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Meditation zur Musik »Sommernachtstraum«: Der Alte
             (Stefanie Endemann; Treffen am 19. August 2016)

 

Wie kam der alte Mann auf den Gipfel?. Er kam wie aus einem tiefen Dösen zu sich, er schnuppert würzige Luft und fühlt die Sonne auf seinen schlaffen Wangen. Er richtet sich auf, zieht die Beine an und knetet seine schlaffen Glieder. Eine Amsel hüpft vor seiner Nase hin und her, das weckt sein Interesse Der Vogel mustert ihn mit seitlichem Blick. Mamsell Amsel? Nein, der Gelbschnabel muss als Mann Futter herbeischaffen für seine quarrende Brut im Unterholz. Der Alte lächelt.

 

Eigentlich fühlt der alte Mann sich angenehm ausgeschlafen. Er kommt hoch und vertritt sich die Beine. Immer noch nicht ist deutlich, was war, was geschehen ist, aber die Frage stellt sich nicht, sie ist merkwürdig unwesentlich.

 

Eine Leichtigkeit und Sorglosigkeit erfüllt ihn, und der Alte genießt erst einmal diesen ungewohnten Zustand. Was los ist, weiß er schon deshalb nicht, weil er alles vorher vergessen hat. Er weiß, er könnte und müsste sich auf etwas besinnen, es ist ihm aber plötzlich egal, es fällt ihm partout nicht ein, und auch das ist nicht wichtig. Name? Woher? Beruf? Was war? Wie komme ich hierher? Das spielt auf einmal keine Rolle mehr, wenn er der immer noch hin- und herhüpfenden Amsel zuschaut, die ab und zu innehält und ihn beäugt. Die Frage Wohin ist jedoch leicht beantwortet: In alle Richtungen geht es abwärts in den lichten Wald hinein.

 

Also abwärts. Da ist ein lichter, weicher Waldpfad. Dahin wendet er seine Schritte, er verabschiedet sich von der Amsel – die hüpft ihm einige Schritte hinterher - und schlägt sorglos die nächstbeste Richtung ein.

 

Wunderschön ist das hier. Die Sonne bricht wärmend durch die Bäume, ein lauer Wind umweht ihn und bringt starkwürzige Walddüfte nach Pilz und Laub. Sein Tritt fühlt sich leicht und beschwingt. Er weiß nichts, er erwartet nichts, was ihn nicht bewegt. Irgendwann zieht ihn ein Wasserrauschen an. Er findet sich an einem Waldgewässer wieder, in das von einem bemoosten Fels her ein kleiner Wasserfall plätschert.

 

Das moosiggrüne, warme, aber frische Wasser umschmeichelt seinen Leib so angenehm, dass er fast wieder einnicken möchte. Eine halbe Ewigkeit. Wasservögel schreien, Frösche purren, ein Eichelhäher lässt sein Gefieder aufblitzen.

 

Bis der Alte sich aufrafft. Der Alte? Er fühlt sich straff und stark. Wo ist sein Rheuma? Wo die gewohnten Stiche in den Gelenken, das Knirschen, die warnenden Schmerzen in den steifen Muskeln? Er dehnt dankbar seine Glieder, und tief atmend, weit ausgreifenden Schrittes lässt er elastisch die Füße federn, wagt ab und zu einen kleinen Sprung, einen hüpfenden Wechselschritt wie ein spielender Knabe. Seine Organe arbeiten still und mühelos. Und sich der neuen Stärke freuend, entfernt er sich auf seiner Wanderung aus unserer Wahrnehmung, während seine fassungslosen Angehörigen in einer anderen Welt die Urne aussuchen.

 

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Musik I (Jorel; Treffen am 19. August 2016)

 

Seidenschleier umspielen deine Füße,

die Musik lässt dich schweben.

Du fühlst Innigkeit und Wärme,

Sehnsucht und Hoffnung gleichermaßen

Du wirbelst umher gleich einer Kirschblüte,

die der Wind hinwegträgt aus dem Grün meines Gartens.

Deine Hände scheinen anmutig nach jemandem zu greifen

den du im Traum gesehen.

Die Wirklichkeit scheint ausgeblendet.

Alles ist nur Phantasie,

vergessen die Härte des Alltags.

Musik, Pflaster für verwundete Seelen.

Harmonie in fremden Sphären geboren.

Geheimnis und heimliche Liebe derer

die sich der Ketten des ewigen Muss

noch nicht entledigt haben.

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Musik II (Jorel; Treffen am 19. August 2016)

 

Musik

Vielfalt der Gefühle

alterslose Medizin

geboren

aus dem Tamtam der Ur-Stämme

wirbelnde Muster

neu verwoben

zu Tönen die bezaubern

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Gedankenkörbe (Jorel; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Gedankenkörbe

schwarz und kühl

bestimmen dein Leben

Was in ihnen steckt

was du erwirbst

fließt in dein Denken

Ohne Inhalt

sind sie nie

doch manches Mal

recht frostig

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Dein Leben (Jorel; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Dein Leben

so kühl

ohne Inhalt

Geschenkt wird dir nichts

jeder zahlt

ob schwarz, ob weiß

Pass auf dich auf,

sonst stecken dich fremde Gedanken

mir nichts dir nichts

in die Tasche

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Gedankenkorb - schwarz - Dein Leben - Kühltasche - Inhalt - Einkaufstasche
(Alexander Mühlen; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Du trägst bei Dir einen Korb mit Gedanken

Ob schwarze, ob weiße, die wichtigen eben

Sie sind voller Inhalt, sie spiegeln Dein Leben

Sie geben Dir Festigkeit, lassen Dich wanken

 

Die Wahrheit suchst Du noch mehr als die »Masche«

Die Tasche zum Kühlen der Stirne beim Laufen

Dann gönnst Du Dir Rast, und jetzt kannst Du verschnaufen

Legst alles zurück in die Einkaufstasche …

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Schwarzer Beutel (Alexander Mühlen; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Zunächst sieht es aus wie die Katze im Sacke

Ein Tier, ziemlich aktiv und stark seine Krallen

Die Zähne jedoch sind die schärfsten von allen

<Ich fürchte, das war wohl ein Satz in die Kacke>

 

Dazu kommt dann auch noch die Farbe vom Kätzchen

So schwarz wie die Nacht und verdüstert die Miene

Dann hebt sich der Vorhang wie eine Gardine

Der Beutel geht auf - ein Dukatenschätzchen !

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Ausgewählt - erwählt - (Edith Hoffmann; Treffen am 29. Juli 2016)

 

»Der Erwählte« wurde zum Papst auserwählt.

Er, der sich als Käfer jahrelang von einer Wasserlache hoch oben im Meeresfelsen ernährte. Davor gab es Inzesterleben in seiner Familie, ohne dass er es damals wusste.

Ein Königskind war er.

In seiner Kindheit hatte ihn eine rote Samtschatulle, umkleidet mit Goldfresken, begleitet. Nie wagte er es diese zu öffnen. Ein Geheimnis lag darin, er wollte es sich aufheben bis zum hohen Alter - was für eine außergewöhnliche Sichtweise für ein Kind!

Als er Papst geworden, ließ er nach dem Kästchen im ganzen Lande suchen.

Es ward gefunden. Lag in einem schwarzen Einkaufskorb, verschlossen mit einem Reißverschluss.

Der Papst zog sich in sein Gemach zurück, zog die Vorhänge zu, öffnete mit zittrigen Fingern das geheimnisvolle Kästchen aus seiner Knabenzeit. Er fand einen Stein an einem schwarzen Band und erinnerte sich, dass seine überalles geliebte Mutter ihn einmal getragen hatte.

Er konnte noch nicht laufen, lag in ihren Armen.

Tränen der Erinnerung liefen über den braunen Stein.

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A

U

S
G

E
W
A
E
H
L
T

Am Anfang (Jorel; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Am Anfang

unserer Welt

sah der Mensch

gewaltige Werke

ewige Zeiten

wanderte er

auf verborgenen Wegen

erwachte in des

Himmels

Licht

treu sich selbst 

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Aus der Sammlung (Jorel; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Aus der Sammlung alter Dinge

wählte ich Dich

Urbild der Fruchtbarkeit

Grund ewigen Streites,

wer war zuerst.

Die Henne, das Ei.

Egal

Du bist schön

Ein Künstler schmückte dich

mit bunten Mustern.

Linien, Tropfen, Kreise.

Archaische Zeichen

jedem verständlich.

Ich mag dich

du schmeichelst dich in meine Hand

als ob du gerne bei mir wärest.

Spielen will ich mit dir

du lässt mich Märchen finden.

Vielleicht bist du in Wahrheit

das goldene Ei

tief in deinem Innern.

Und ich

habe einen Schatz gefunden.

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Thai-Fußball (Alexander Mühlen; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Beim Boxen wird man ausgezählt

Wenn man der Schwäch’re ist von beiden

Verlierer sind nicht zu beneiden

Jedoch, ich habe ausgewählt

 

Die Kugel aus gebog’nen Binsen

Ein Kunstobjekt in uns’ren Breiten

Ich kenne auch die and’ren Seiten

Ihr Freunde werdet tüchtig grinsen

 

In Thailand und auch sonst im Osten

Wo Lederbälle arg viel kosten

Gibt’s ein Gewerbe »Fußball-Knüpfen«

 

Die Jungs am Strand und auf den Plätzen

Spiel’n »Ball hoch halten«, auch mit Netzen

Leicht ist das Ding, doch kann’s nicht hüpfen.

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Ich erinnere mich nicht (Jorel; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Ich erinnere mich nicht, wie hat es ausgesehen dein Gesicht? Manches Mal kommt es mir so vor als wärest du immer traurig gewesen. Selten fand ich ein Lächeln über deine Züge huschen. Immer schon kamst du mir alt vor, knorrig, verwittert. Kaum dass ich mich traute dich anzusprechen, ich fürchtete deine Stimme. So brüchig wie ein alter Baum im Sturm. Wie verwitterte Flechten war dein Haar. Es gruselte mich wirklich. Nein, dir wollte ich nicht freiwillig begegnen, doch der Albtraum deines Anblicks tobte durch meine Kinderträume. Die Nachtmaar trieb Blüten vor denen ich mich manchmal heute noch fürchte.

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Mit meinen Fingern (Jorel; Treffen am 29. Juli 2016)

 

Mit meinen Fingern

habe ich dein Gesicht berührt

Aus festem Holz bist du geschnitzt

Deine Augen

Gedankenverloren

dein Mund

immer schweigend.

Alle Märchen

die du erzählt

sind eingefroren.

Wozu bist du gemacht

Zur Zierde, zur Mahnung

Sichtbar machend

dass wir im Alter erstarren

Sehe ich es falsch,

liegt Güte

in deinen alten Zügen.

Wie oft

muss ich dich berühren

um zu verstehen

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WUKU tanzt (Stefanie Endemann; Treffen am 01. Juli 2016)

 

Wuku saß vor der Höhle und polierte und schnitzte an einem Stück Knochen herum. Das war nicht so einfach, denn er verfügte lediglich über ein paar scharfe Steine sowie eine Hirschhornsäge und ein Hirschhornmesser. Mit diesem Gerät wusste er recht geschickt umzugehen. Immer hieß es achtgeben, dass ihm die Werkzeuge nicht zerbrachen und zersplitterten, womit erneut viel Handarbeit verbunden war. An Eifer fehlte es Wuku jedoch nicht, und man hörte den abseits Hockenden immer wieder brummen und pfeifen und sonstige Töne von sich geben. Wuku war bei seiner Sippe dafür bekannt, dass er ein Mammut überhört hätte, das herantrapste, wenn er richtig ergriffen war von seinem Tun.

 

Wuku fand selber, dass seine Tätigkeit irgendetwas Höheres hatte, etwas Heiliges, und dass er nicht mehr Wuku war, wenn er so angespornt und versunken etwas schuf, sondern ...Jedenfalls war Wuku irgendwie auch stolz auf sich.

 

Besonders, wenn seinen Genossen, wenn sie abends von der Jagd zurückkehrten, hörbar der geräumige Unterkiefer herunterklappte, wenn er sein neues Erzeugnis vorwies. Allgemeines Staunen. Oooh! Na, ja, ursprünglich hatte man ihn gar nicht mehr auf die Jagd mitnehmen wollen, denn er bewies da oft ein seltsames Ungeschick. Denn so gewandt er mit beiden Händen war, wenn es galt, ein Stück Mammutzahn oder ein Holz zu bearbeiten und zu verändern - wobei er übrigens das Stück dicht vor seine Augen hielt - so unbeholfen und täppisch konnte er sich auf der Jagd zeigen. Ein schneller Sprint durchs Unterholz? Nicht dran zu denken. Und leider warf er seinen Speer überhaupt nur jeweils einmal für Wieviel-Finger-er-hatte, in die richtige Richtung, er verschoss von Pfeilen, so viel wie seine Finger waren, höchstens einen Richtung Ziel. Es war, als ob der das Mammut nicht nur nicht hören, sondern auch nicht sehen würde, vom flüchtigen Hasen ganz zu schweigen.

 

Man musste Wuku allerdings lassen, dass er Geflechte zu machen wusste, in denen sich der flüchtige Hase von selber verfing, ohne dass man ihn eigens jagen musste. Und so bekam Wuku auch nur gutmütiges Lachen der ohnehin Lachbereiten ab. Wuku mochte also zuhause bleiben und den Frauen Gesellschaft leisten. Er mochte ihnen beim Kochen helfen, und auch hier bewies er gutes Geschick, wenn er hübsche Töpfe herstellte oder praktische Körbe. Und die Frauen mochten ihn gerne und lachten mit und über ihn, und ab und zu ging eine mit ihm ins Gebüsch, um ihm etwas Besonderes mitzuteilen.

 

Wuku hockte, pfiff und ließ sich durch keinen Zuruf stören. Was hatte er vor? Was war es diesmal, das unter seinen Händen entstand? Was machte er bloß?

 

Die Gemeinschaft hatte ja schon längst entdeckt, dass sein Tun nützlich und erfreulich war. Die Ahnen zu erheitern war solch in kleines, gut getroffenes Wildpferd sehr angetan, und die zufriedenen Toten vergalten es mit Glück in der Jagd und Schutz vor Verletzungen. Die Frauen waren gut gelaunt, die Kinder jubelten, und wenn ab und zu ein Händler erschien, nahm er durchaus gerne ein solches Stück mit gegen Salz. Wuku saß und hörte nicht. Viele große Augen beobachteten ihn immer gespannter, obgleich aus dem Stück, das Wuku in seinen Händen drehte und angelegentlich polierte, keiner schlau wurde. Nur eine Stange? Die Sonne stand schon tief im Westen, da stand Wuku auf und dehnte seine nackten Glieder im Abendlicht. Er wusste, er wurde aufmerksam beobachtet . Und Wuku hob sein merkwürdiges Produkt an die Lippen. Alle wichen zurück, als er dem Stab mit den drei Löchern einen langen Pfiff entlockte, dann einen höheren und einen tieferen, und dann noch einen und noch einen.

 

Wuku streckte erst ein behaartes Bein vor, dann das andere, und übermütig fing er an zu tanzen, immer schneller, während er seiner neugeschaffenen Flöte immer ungestümere und schrillere Tonfolgen entlockte.

 

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Woher kommt der Gedanke - Version I (Edith Hoffmann; Treffen am 01. Juli 2016)

 

»Woher kommt der Gedanke?«

 

»Die Frage ist schnell beantwortet: Natürlich aus meinem Leib. Ist dir das klar?

 

Du kannst nur Fragen stellen, ich bin zuständig für die Antworten. Punktum!!!

 

Weißt du, ich bin ja etliche Jahre länger schon als Mensch unterwegs als du. In meinem Leib hat sich viel eingeschmuggelt. Du musst nicht meinen, dass mir alles gefällt. Was Mist ist, bringe ich auch als Mist wieder heraus, das wird nicht ausgesprochen, nicht in Worte gefasst.

 

Ist es aber hochgeistig, philosophisch tief schürfend, dann springt es aus meinem Hirn - Hirn ist auch ein Teil des Leibes. Damit es klar ist, mit Leib meine ich nicht Bauch.

 

Weißt du, das zu erklären wäre zu hoch für dich, nimm es an, wie ich es sage.

 

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei der Philosophie. Dabei fällt mir ein, lies mal die philosophische Literatur, dann kriegst du zum Thema ›Woher kommt der Gedanke‹ viele unterschiedliche Antworten. Meine Antwort lautet: Der Gedanke kommt erst am Ende der Gedankenkette aus dem Gehirn. Vorher hatte er sich überall eingenistet: Im Bauchnabel, im kleinen Zeh, im Fingernagel, im Haar, das du gerade verloren hast. Zum Glück ging nur das Haar verloren und nicht der Gedanke.«

 

Fällt ein Haar mir ab vom Kopf

bin ich noch kein armer Tropf

nehme das Thema gleich beim Schopf

hau mir an den Kopf, klopf, klopf

Und schon purzelt ein Gedanke

ähnlich einer Blumenranke

die sich um die Banke an der Krummen Lanke

windet und sich auf Papier

wiederfindet und mir verkündet,

ich habe was kreiert,

was mich nicht geniert

es dir vorzutragen

Sind nun deine Fragen erledigt?

Ich beende jedenfalls die Predigt.

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Woher kommt der Gedanke? - Version II (Edith Hoffmann; Treffen am 01. Juli 2016)

 

An der Krummen Lanke sitz ick uff de Banke

und frag mir: Woher kommt der Jedanke

eenen Mehrzeiler zu verfassen?

Kann denn det zur Banke passen,

det mit de Buchstabenmassen?

Ich gloob, ick frag mal die Banke:

»Du, wat meenst de denn dazu?«

Die Banke knarrt:

»Lass ma in Ruh mit dein Jedanke, ick sach da:

nee, danke!«

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     G
     E
     D
     A
     N
     K
     E

GEDANKE (Jorel; Treffen am 01. Juli 2016) 

 

Geist

ewig klopfendes Gewissen

drängend meldest du dich an

alle Schranken überwindend

nimmst du Raum in mir

kümmerst dich nicht um Widerstände

erwählst mich zum Sprecher

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BREXIT {und der Prince of Wales} (Alexander Mühlen; Treffen am 01. Juli 2016)

 

Ich schüttle mich, ich wanke

Wird man Europa killen?

Der Briten sturer Willen -

Nur Politik-Gezanke?

 

Gemeinschaft, schlanke, ranke

Droht uns jetzt zu entgleiten

Vor uns die schweren Zeiten

Da kommt mir der Gedanke:

 

Die Schotten wollen frei sein

Nordirland könnt‘ dabei sein

Gibraltar kommt zu Spanien

 

In Falkland heißt’s <game over>

England fällt an Hannover

Prinz Charles spricht mit Geranien …

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Augen auf (Jorel; Treffen am 01. Juli 2016)

 

Augen auf

die Amsel singt

doch auch der Regen rinnt.

Was für ein Tag

nun kommen mag

mit tausenden Gedanken.

Rasch die Beine aus dem Bett,

ich sorge schon dafür,

heut wird es nett,

ich hab mir es selbst versprochen.

Außerdem hab aus der Küche ich

Brötchen und Kaffee gerochen.

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Poker (Alexander Mühlen; Treffen am 01. Juli 2016)

 

Ich spiele Poker

Sitz‘ an der Quelle

Hab‘ einen Joker

Für alle Fälle

 

Wenn ich verliere

An dieser Stelle

Trink ich fünf Biere

Ganz auf die Schnelle!

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Josef (Stefanie Endemann; Treffen am 03. Juni 2016)

 

Josef B., wie üblich bei solchen Gelegenheiten, lehnte sich zurück und brummte nicht unfreundlich: Ich überlass es euch. Die Corona nickte langsam und kramte in Papieren und Sakkotaschen, während Josef sich steifbeinig erhob und hinausging.

 

Seine Bodyguards blieben und ließen ihre Blicke durch das Hinterzimmer des Lokals schweifen.

 

Von den Gästen stand einer nach dem anderen auf und schob einen bauchigen Briefumschlag in die offenstehende Aktentasche, um anschließend das Lokal zu verlassen.

 

Josef trat nun wieder ein, beugte sich zur Aktentasche, um einen Blick hineinzuwerfen und die Zahl der Umschläge anhand der fortlaufenden Nummern festzustellen. Dann nahm er lässig die Tasche an sich und verließ ebenfalls das Lokal.

 

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An den Ufern des Flusses (Jorel; Treffen am 03. Juni 2016)

 

An den Ufern des Flusses

überlasse ich es Euch

ihr Wellen

meine Gedanken mitzunehmen

auf die Reise

durch Reisig, Gestrüpp

den Resten des letzten Hochwassers.

Mit den Strudeln hinab

auf den Grund

ins tiefe Kiesbett

wo kleine Fische

gegen den Strom stehen.

Ach ihr Wellen

führt meine Gedanken

durch den Tang

an ein seichtes Ufer

damit sie sich wieder finden

in der fruchtbaren Aue

Kraft schöpfen im Sonnenlicht

nehmt mein Wesen mit

ihr Wellen

ich überlasse es Euch

es der Welt zurückzugeben.

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Ich überlasse es Euch (Jorel; Treffen am 03. Juni 2016)

 

Ich überlasse es Euch

an mich zu denken

einen Gruß mir zu senden

um Hilfe zu bitten

zu telefonieren.

Ich überlasse es Euch

ihr werdet schon wissen

wann es Zeit ist

damit unsere Wege

sich wieder kreuzen.

Das Gefühl wird da sein

irgendwann

mächtig werden, zwingend

und dann

werdet ihr nicht anders können.

Aber

Ich überlasse es Euch

so wie ich dem Wind

seinen Willen lassen muss

so werde ich auch Euch

nicht beeinflussen

Nein ich überlasse alles

Euch.

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Die Straße ins Licht (Jorel; Treffen am 03. Juni 2016)

 

Lass ich dich

lass ich mich

lass ich Euch

bis wir verlassen

Wege finden

die Anders sind

als das Denken vorher erlaubt

Abgeben, rumdrehen, weitergehen

ich überlasse es Euch

die Straße ins Licht zu finden.


Partnerwahl (Alexander Mühlen; Treffen am 03. Juni 2016)

 

Einst ging ich in die Klasse

Neusprachlich 13 C

Da hob sich aus der Masse

Das Mädchen Lilofee

 

Sie war ´ne ziemlich Blasse

Mit Zähnen weiß wie Schnee

Trank aus verzierter Tasse

Den Lindenblütentee

 

Sie sagte mir: »Ich hasse

Die Jungen in der Näh‘

Nicht dass mich wer anfasse

Nicht mal am kleinen Zeh!«

 

Ich dachte mir: »Ich passe

Da ich nicht auf ihr steh‘

Das, Freunde, überlasse

Ich Euch in dieser Gasse

Nehmt sie auf die Barkasse

Und freut Euch am Klischee«

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Der kommt hier nicht rein (Stefanie Endemann; Treffen am 03. Juni 2016)

 

Bloß nicht! Der kommt hier nicht rein.

Für den sind wir viel zu fein.

Der hält sich an keine Regeln.

Er muss jede Norm umkegeln.

Gar nicht weist er auf Manieren,

will die Anarchie einführen,

respektiert nicht das Gesetz,

lebt nicht im sozialen Netz.

Er ist ständig Außenseiter,

lonely wolf, einsamer Reiter.

Nachts mit großem Krach und Rumpeln

feiert er mit seinen Kumpeln.

Der zeigt uns die schrägen Kanten.

der hat immer Käsequanten.

Und bei jeder Vernissage

bringt er alle Welt in Rage.

Und erst recht beim Opernball

wartet man auf den Skandal.

Junge Damen tut er schrecken.

Niemals putzt er glatt die Ecken,

niemals nicht, nicht ums Verrecken.

Er tut niemals Schlipse bügeln,

sondern nur das Volk aufwiegeln.

Er macht uns die Pferde panisch,

kirre macht er uns und manisch.

Seine Uhr geht noch mechanisch.

Er versaut uns die Geschäfte,

kostet alle Nervenkräfte.

Immer will er anders sein.

Sowas kommt bei uns nicht rein.

 

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Du kommst nicht rein (Jorel; Treffen am 03. Juni 2016)

 

Die Tür ist zu

du kommst nicht rein

ich fürchte mich vor deinen Zähnen

Schon wenn ich dein Bellen hör

breche ich aus in Tränen.

Mag dein Fell auch seidig sein

und deine Augen treu,

wenn ich auch nur an dich denk,

wird mir im Magen flau.

Denkst du denn ich würde dich füttern

und du pieselst mir dafür

klamm und heimlich all dein Wasser

auf den Teppich bei der Tür.

Nein mein Freund vergiss es schnell

du kommst hier gewiss nicht rein.

Darum halt ich jetzt den Mund

verstehst mich eh nicht,

bist nur ein Hund.

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Litanei‘n (Alexander Mühlen; Treffen am 03. Juni 2016)

 

Ich war noch unter 12 und klein

Wollt‘ mal ins Schmusekino geh‘n

Das Alter war mir anzuseh’n

Da half kein Bitten und kein Fleh‘n

Es hieß nur: »Der kommt hier nicht rein«

 

Ich durfte grad‘ auf 15 gehn

Schlich mich, man möge mir verzeih’n

Ganz stiekum in ´ne Disco rein

Der Ordner war zu mir gemein

»Verlass das Haus, Du musst versteh’n«

 

Bewarb mich für ‘nen Golfverein

Wo Prominente sich erfreu‘n

Mit Dieter Bohlen an die Bar

Der Udo Walz stutzt mir das Haar

Millionär müsst‘ ich erst sein !!

 

(Beliebig viele weitere Strophen …

Zum Schluss:)

 

Der Tod gibt mir ein Stelldichein

Der Englein Chor singt Litanei‘n

Sankt Petrus sagt „Es wäre schön

Könnt ich Dein Führungszeugnis seh’n -

»Es geht schon klar, der darf hier rein …«

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B

A

N

A

L

Banal - Akrostichon (Jorel; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Bist du wieder

auf dem Weg

nutzloses einzufangen

an dich zu nehmen

listig zu verändern Wort und Wert.

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Banal I (Jorel; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Was ist es wert

das Leben welches du lebst

dein tagtägliches Werk

der Hut den du trägst,

dein Lachen, dein Schmerz

die Glieder deines Körpers.

Was ist es wert

das, was du ohnehin besitzt

Der Freund, die Freundin

die Liebe deines Lebens

du gehst einfach vorüber

So Banal sie erscheinen

sind sie doch der Motor

die dich treiben

Was bist du wert, ohne sie?

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Banal II (Jorel; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Das ist mir zu banal,

böse blitzen deine Augen

deine Lippen

verächtlich gekräuselt

zeigen deine Wut

Du bist ertappt worden,

hast gelästert

über jemanden, dem du

deiner Meinung nach

haushoch überlegen bist.

Was hast du nur

gegen den Anderen,

er ist dir doch so ähnlich

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Der Fluch der Ess- und Trinkkimos (Alexander Mühlen; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Die Esskimos sitzen im Jahr des Wales

Gehörig betreten in ihren Hütten

Sie fressen nur Grünzeug mit faden Fritten

Halbgar gegrillt im Bauchfett des Aales

 

Dazu saufen alle ihr Bier, ihr schales

Der Häuptling gießt es aus großen Flaschen

Ein Jeder nimmt dann den Schluck, den raschen

Vergisst all den Schmerz dieses Jammertales

 

Begreifst Du, was solche Story Dir sagte

Sei nicht so ein Trinkkimo, der da verzagte

Dein Leben ist mehr als ein Licht, ein fahles

 

Verbleib' nicht im Tran, Du musst versprechen

Den Eispanzer um Dich herum zu durchbrechen

Dann hast Du Besseres als nur Banales!

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Gern mal was Banales (Herbert Reichelt; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Ich schreibe gern mal was Banales,

bei dem man nicht viel denken muss.

Nur selten kommt mir was Geniales,

meist fehlt der letzte Musenkuss.

 

So fließt ein Jambus nach dem andern

wie von alleine aufs Papier.

Banal ist prima – auch beim Wandern

spinn ich herum – kann nichts dafür.

 

So mancher denkt: »Das ist fatal!

Da wird nur sinnlos endgereimt.«

Doch nein! Denn wenn mit einem Mal

wie aus dem Nichts ein Vers erscheint,

 

dann freut man sich auch an Banalem

und denkt: »Vorbei die Reimesqualen!«

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Nichts geht mehr (Stefanie Endemann; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Nun ja, endlich hatte der Herr das Zeichen zum Jüngsten Tag gegeben. An die stramm stehenden erwartungsvollen Engel wurden die Posaunen ausgeteilt, welche die Toten erwecken und die Gebäude einstürzen lassen sollten.

 

Der Herr warf sich mächtig in die Brust und erklärte mit gewaltiger Stimme, die die Engel zurückprallen ließ, das bevorstehende Ende der Zeit. Genauer: Der irdischen Zeitlichkeit, alles musste vergehen, und nun sollte schrecklich Musterung gehalten werden über das Vergangene.

 

Es wurde sozusagen auch Zeit dazu, denn mindestens Seiner nächsten Umgebung war aufgefallen geworden, dass Er in Glanz und Herrlichkeit in manchem nachließ. Er war ein wenig zerstreut und vergesslich geworden, denn wie sonst konnte es geschehen, dass ein gewisser G. Walker Bush ohne große Umstände eingelassen worden war, allein aufgrund seiner bigotten Schmeicheleien, womit er nun herumstolzierte und die Engel nervte. Ebenso einige besonders Fromme aus der Finanz-und Immobilienbranche, die man wirklich genauer unter die Lupe hätte nehmen müssen. Die Engel tauschten wissende Blicke.

 

Nun gut, der Höchste hatte sich entschlossen, all dem ein Ende zu setzen, all dem Treiben, der Vergeudung, dem Hochmut, dem Sexgetue, der Sinnlosigkeit, der Maßlosigkeit, dem geistlosen Wohlleben, dem Neid usw. Es war wirklich viel zu lange und zu weit schon gegangen, und der Globus hatte sich nachgerade so in Sünden verheddert, dass man für ein Ende mit Schrecken nur dankbar sein konnte.

 

Und was sollte man noch mit neun Milliarden verrohenden Menschen auf der Erde noch beginnen? Was sollten sie noch beginnen? Ein unermesslicher innerer und äußerer Slum, so weit war es mit ihnen gekommen.

 

Eine Erde ohne brauchbare atomare Endlager, ohne Platz und ohne Phosphate für weitere Bodendüngung, für die Ernährung noch weiterer Menschenfluten, ohne Kultur sowieso. Es wurde Zeit!

 

Ach, weg damit. Es blieb nichts als den Gordischen Knoten durchhauen. Es reicht!

 

Die himmlischen Heerscharen hatten sich in präziser Schlachtordnung aufgestellt, stützten sich auf ihre Posaunen, in „Rührt euch“-Stellung. Sie spitzten bereits probeweise die Münder, der Ton sollte ja durchdringend und schallend herauskommen und nicht schmählich verunglücken, und alle richteten ihre Blicke hoffnungsfroh auf den Höchsten. Er musste nur noch den Takt angeben, alles war bereit.

 

Stille trat ein. Der Alte, auf den alle Engelsblicke sich richteten, sollte jetzt endlich loslegen.

 

Doch nein, er beugte sich noch zum Junior herab und schien sich mit Seiner Zweiten Person zu beraten. Man war sich offenbar noch nicht ganz schlüssig.

 

Warten. Warten. Warten. Was war passiert?

 

Der Alte schnippte jetzt mit dem Finger, ein Engel trug eilend das BUCH heran. Das Buch? Herr im Himmel, der Alte hat sein Drehbuch nicht mehr drauf. Die Engel traten von einem Fuß auf den anderen. Der wird doch nicht noch in der Genesis nachschlagen, wie er damals den Probelauf mit Sodom gehandhabt hatte? Während der Alte mit gerunzelter Stirne das Buch studierte, gerieten die exakten Formationen ins Wanken, lösten sich hier und da auf. Sie zerfielen in Grüppchen, und die ersten schauten bedauernd auf ihre Posaunen und fingen offenbar an zusammenzupacken.

 

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Nichts geht mehr (Edith Hoffmann; Treffen am 06. Mai 2016)

 

So vieles wollte ich schaffen

Und habe auch viel getan

Doch nun bin ich kaputt

Keiner sieht es mir an

Ich sitze auf dem Balkon

Und schaue den Wolken zu

Die sich zusammenballen

Jagen ohne Rast und Ruh

 

Über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos

Unter den Wolken werde ich eingeengt

In den Wolken sehe ich Gesichter

Und weiß, dass mancher an mich denkt

Großvaters Wuschelkopf kommt angesaust

Der Schwester liebliches Gesicht taucht auf

Mein Jugendfreund spielt auf der Trompete

Von weit hinten kommt Mama im vollen Lauf

 

Mein Kätzchen hebt die Tatzen hoch

Aus dem Teich springt ein Fisch empor

Die alte Eiche zerfranzt vor meinen Augen

Und jetzt singen 14 weiße Engel im Chor

 

Ich singe mit: »Abends wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich stehn, zwei zu meiner ...."

Weiter komme ich nicht. Nichts geht mehr, nur noch der Weg zum Bett.

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Nichts geht mehr I (Jorel; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Fallout, tödliche Stille

kein Vogel, kein Mensch singt

während unsichtbar

der Staub aus Wolken sinkt.

Sonne sah ich, blauen Himmel.

Den Duft der Blumen

nahm ich wahr als ich war.

Als ich war

bevor die mächtige Stimme sprach

 

Nichts geht mehr.

 

Mehr als tausende von Jahr

Dornröschen schläft

entwickelt sich zu dem

was wunderschön erscheint,

nach dem Menschen

dem Banalen

der glaubte die Krönung zu sein

Rien ne va plus.

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Nichts geht mehr II (Jorel; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Da stehst du nun

am Wasserhahn

das einzige was rinnt

sind deine Tränen.

Früher hast du

in voller Wanne geschwelgt

Blumen gegossen, Autos gewaschen

ungehemmt.

Nichts geht mehr

du wünschst dir

dass die Wolken Trauer tragen

den Staub der Erde

mit kostbaren Tränen waschen.

Leer der Stausee

Gletscher gibt es nicht mehr

Surfen wirst du

über sandige Dünen.

Bis du

verdorrt wie der Rosenbusch

weißt

Nichts geht mehr.

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Blühender Garten (Alexander Mühlen; Treffen am 06. Mai 2016)

 

Es ist jetzt Zeit

Garten erblüh‘

»Rien ne va plus«

 

Dein neues Kleid

Gefällt mir sehr

»Geht da noch mehr?«

 

Du, roter Mund

Sag mir den Grund

»Wo führt das hin?«

 

Zärtlicher Blick

Gibst mir zurück

Des Lebens Sinn

 

Schenk‘ mir den Lohn

Für meine Müh‘

»Rien ne va plus«

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Brezeln (Stefanie Endemann; Treffen am 08. April 2016)

 

Das war ohne Frage die letzte Fuhre, letzte.,die allerletzte Lieferung, die die ausgemergelten Stadtsoldaten trüben Blicks in die bewachte Bäckerei brachten, damit die noch einmal backen konnte.

 

Man bereitete die End- und Abschlussfeier vor. Die Bäckermädchen und-jungen, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnten, hatten den Teig sorgsam gemischt,, getreten, gewalkt, geknetet, gehen lassen, wieder geschlagen und gehen lassen. In der Nacht hatten die Eingeschlossenen geduldig gewartet, die letzten Kerzen brennen lassen, gesungen, um statt der Kerzen innere Glut zu entfachen, geistiges Strahlen, und sich auf das letzte Mahl bei aufgehender Sonne vorzubereiten.

 

Dann würden sie sich gegenseitig an den Händen fassen und aus der belagerten Stadt gemeinsam in die Tiefe springen. Hinab in den Abgrund, der ihre Stadt so wirksam behütete, wie keine Gerüsteten und Gewaltigen es hätten tun können.

 

Aber der Hunger, der Hunger. Und die Kälte in dem knapp überstandenen Winter, in dem die Schar der Getreuen so geschrumpft war, dass von mit den Resten der kärglichen Nahrung überhaupt noch einige überlebten.

 

Die jungen Männer und Frauen, die noch etwas Kraft in den Gelenken hatten, machten sich unter den Augen aller daran, in den Teig zu greifen und sorgsam aus dem Vollen zierliche Gebäckstücke zu formen, natürlich Brezeln, oder bracchiola, so lautete das lateinischen Wort, „Ärmchen“, die mit zierlichen Gliedmaßen eine zärtliche Umarmung andeuteten. Gesenkten Hauptes standen um sie die Verantwortlichen des Stadtrates, diejenigen, die die gleiche Pein überlebt hatten und den gleichen Torturen widerstanden hatten.

 

Sie waren die Reinen, eine verschworenen Gemeinschaft. Sie waren die Katharer, die wussten, dass in einer Welt, die des Teufels war, ihnen nur Verfolgung und Qual bestimmt war. Kirche und Rang galt ihnen nichts, alles jedoch die Gottesnähe. Ihre Kirche hatte ein Jahrtausend überlebt im Untergrund, stets Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt, und es hatte immer Adepten gegeben, die die Lehre weitergereicht hatten. Doch jetzt hatte Gott sie offenbar verlassen wollen oder müssen, das Ende war da, die Verfolgungen wurden immer gnadenloser.

 

Das Grüppchen ließ aber nicht ab zu singen und zu psalmodieren in merkwürdig rhythmischen Rückungen. Darüber vergaßen sie die Zeit und den Hunger, und immer wieder riss der seltsame Rhythmus sie aus der Lethargie. Und als die junge Vorsängerin aufstand und ihre helle Stimme wie übermütig in die Morgendämmerung warf, stellten sich bei einigen sogar Momente eines vertrackten Glücks ein.

 

Die Brezeln waren jetzt fertig und verströmten einen köstlichen Geruch; die Sonne stieg langsam hoch und verbreitete Wärme. Die Reine waren aneinandergerückt, fassten sich an den Händen und stimmten ihren besonderen Ostergesang an, der die alten Götter mit einschloss und beschwor. Das war das letzte Mal, bevor dies Experiment zu Ende ging nach Gottes Willen.

 

Woher kam die Besessenheit dieses Beschlusses? Auf einmal waren alle einig, das Ende besonders zu gestalten mit einem Geschenk an den Feind, das letzte, allerletzte Opfer, ein Monument ihres Willens.

 

Eine stieg mit dem Korb auf die Mauer, umweht von ihrem weißen Gewand, und warf mit großer, weit ausholender Geste die Brezeln über die Köpfe der Feinde unten, sah zu, wie sie in die Tiefe rollten und stürzten und rief: Frohe Ostern, ihr Freunde Christi!

 

Von oben sah man, wie die Feinde herauskamen und die verschlafenen Gesichter wie Monde zu ihnen hoben. Dann zogen die Gerüsteten sich zur Beratung zurück. Und es dauerte wieder nicht sehr lange, da wurden sie Zeuge, wie die ersten Anstalten gemacht wurden, die Zelte einzurollen und die Sachen zusammenzupacken. Die Belagerer, verdrießlich, hungrig, krank und schlecht gelaunt, hatten beschlossen, die Belagerung aufzuheben. s schien ihnen scheinen, so wurde später bekannt, als hätten die droben noch Vorräte übergenug.

 

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Bretzel I (Jorel; Treffen am 08. April 2016)

 

Sie kaut schon wieder,

ich höre es

über den ganzen Tisch,

fühle förmlich wie das Salz splittert,

spüre selbst die Lust zuzugreifen.

Finger in die Schale.

Knack.

Was für ein Genuss,

tief in meiner Erinnerung

liegt vergraben so mancher Moment,

in dem ich selbst nicht anders konnte,

als eine ganze Tüte leer zu futtern,

diesen Knack,

der Salzgeschmack,

unvergesslich tröstlich

in den Stunden des Alleineseins.

Aber die Pfunde, die sich finden

später an den Rundungen,

die nicht ich,

jedoch ein Anderer

hoffentlich bewundert.

Die wieder schwinden,

im Befinden

zu Zweit

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Bretzel II (Jorel; Treffen am 08. April 2016)

 

Bretzel, süß oder salzig,

an Neujahr zum Frühstück

oder alle Abend wieder

gelüstet es uns allemal.

Wir stehen drauf,

und eins ist klar:

Ob Baby oder Oma,

da wird gelutscht, geknackt, genossen.

Wir genießen unverdrossen,

was Bäcker und die Industrie so bieten.

Den Spaß

wird niemand uns verbieten.

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B

R

E

T

Z

E

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Bretzel - Akrostichon (Jorel; Treffen am 08. April 2016)

 

Bin ich dir

rettungslos verfallen

einem Gebilde voll Geschmack

total süchtig, hingegeben

zerkau ich voller Wonne

einen kunstvoll gestalteten

Leckerbissen

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Brezn (Mainecoon; Treffen am 08. April 2016)

 

Es war in meinem ersten Jahr in München. Hans, ein Eingeborener, hatte angekündigt, mich zum Oktoberfest mitzunehmen. Er wusste von meinem Plan, mich wagemutig mit einem Sportdrachen in die Lüfte zu erheben. Da er selber Pilot war, wusste er auch um das dort auftretende Problem der Übelkeit. Wir würden dieser Herausforderung, so seine forsche Ansage, auf dem Oktoberfest begegnen.

 

Ende September war es soweit. Ein sonniger Tag versprach viel gute Laune, als wir uns auf der Theresienwiese ins Getümmel stürzten. Hans begutachtete die erste Achterbahn, die zweite, die dritte – erst die vierte fand sein Wohlwollen. Ich wurde blass: Vor mir stand ein Ungetüm an Achterbahn, mit schwindelerregenden Höhen, aus denen es ebenso wieder runterging – steil herunterging …

 

Hans bugsierte mich in die erste Gondel und setzte sich neben mich. Meine erste Achterbahnfahrt … Ich nahm Hans‘ Hand. Eine kurze Kontrolle des Sicherheitsbügels, und langsam und ruckelnd setzte sich die Gondelkolonie in Bewegung. Der Fahrtwind spielte in den Haaren, die Sonne lachte, langsam fuhr die Bahn auf die erste Steigung zu. Ich begann mich zu entspannen und genoss den Anblick des immer tiefer sinkenden Areals unter mir, schaute der Bavaria in die Augen, blickte über die Stadt und fühlte mich wie eine Königin – bis zu dem Moment, an dem die Bahn die erste Spitze geschafft hatte und sich anschickte, den Weg nach unten zu beginnen. Es begannen die schlimmsten fünf Minuten meines bisherigen Lebens. Mir blieb gerade noch Zeit, meinen Magen einzufangen, der sich – anatomisch unkorrekt – plötzlich in Höhe Kehle zu befinden schien.

 

Runter, rauf, links, rechts, rechts, links, rauf, runter – ich krallte mich am Bügel fest und versuchte nur noch zu überleben.

 

»Du schreist nicht!«, dachte ich mir, »DU-SCHREIST-NICHT!!!«, während es hinter mir aus vielen Kehlen brüllte wie beim Sauabstechen. Ich schrie nicht.

 

Endlich rollte die Bahn aus, ebener Boden war erreicht, die Bahn hielt. Hans‘ Gesicht sah seltsam verzerrt aus. »Du hast di so fest einkrallt, i hob jetzt a Breznteig statt a Pratzn«, und er rieb sich die malträtierte Hand. Und fing an zu grinsen, als ich aussteigen wollte. Meine Knie versagten nämlich den Dienst, und ich schwankte. »Dös war no gar nix! Kimm du amol in a Turbulenz! Dös is a Gaudi!«

 

Ich begann dennoch mit der Drachenfliegerei und habe jeden Maulwurfshügel und jeden Kuhfladen am Übungshang kartographiert und auf Augenhöhe begutachtet. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

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Gebrezelt (Alexander Mühlen; Treffen am 08. April 2016)

 

Immer noch ist mir ein Rätsel

Wenn ich auch die Lösung ahne:

Wie kommt Krümmung in Banane -

Doppelschleife in die Brezel?

 

Löcher finden sich im Käse

Schweizer- oder niederländisch

Gut zu speisen, das empfänd‘ ich

Nur pikant mit Mayonnaise

 

Selbstverständlich macht aufs Ganze

Uns erst richtig Lust zum Tanze

Brezel mit Bananenfüllung

 

Schweizer Käse - unentbehrlich

Mayonnaise - sehr gefährlich

Alter Gouda, welch‘ Enthüllung!

 

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Brezel an der Wand (Herbert Reichelt; Treffen am 08. April 2016)

 

Brezel, Brezel an der Wand!

Ich hätt' dich lieber in der Hand.

An der Wand bist du nichts nutze,

selbst, wenn ich dich nochmals putze.

 

Schmeckst mit Butter und mit Salz,

auch zum Bier - ja, Gott erhalt's!

Schmeckst zur Weißwurst nur in Bayern,

auch bei den Oktoberfeiern.

 

Lässt dich aber auch verschmausen

in Linz, sogar in Höhr-Grenzhausen.

Du schmeckst und schmeckst und schmeckst nach mehr.

Brezel, ach, ich mag dich sehr!

 

Doch hängst du hier nur an der Wand.

Ich streichle dich mit meiner Hand,
ganz zärtlich, will dich nicht verletzen,
erkenne aber mit Entsetzen:

 

Ich hatte dich total verkannt!

Du bist ja nur aus Ton gebrannt!

Und selbst im Städtchen Höhr-Grenzhausen 

wird dich wohl nie ein Mensch verschmausen.

 

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BLU(E)TEN (Edith Hoffmann; Treffen am 08. April 2016)

 

Von Apfelblüten einen Kranz.

Den Sprengstoffgürtel umgeschnallt.

Frauen treffen sich zum Bauchtanz.

Kreissägen wüten im Urwald.

 

Der Poet schreibt in der Stube.

Der Maler schafft im Atelier,

öffnet seine letzte Tube,

bringt auf die Leinwand großes Weh.

 

Und unser Erdball hält noch still.

Wer weiß wie lange er das will.

Der Mensch lässt ins All sich schießen,

 

erkundet neuen Lebensraum.

Wird es wahr, bleibt es ein Traum:

Leben auf dem Mond genießen?

 

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Blüten I (Jorel; Treffen am 08. April 2016)

 

In Erwartung war ich lange

Monate, so wie mir scheint,

starrte ich auf diese Erde,

wünschte, hoffte zitterte,

dass doch endlich etwas werde

aus dem Samen, den ich säte,

ahnte schon die grünen Spitzen,

doch es wollte wohl nichts werden

mit diesem Duft aus Form und Farbe,

den ich mir erträumt vor Zeiten.

 

Nun sah ich den Traum entgleiten,

war es doch hier Frühling schon.

Ich ging spazieren, ersann Lieder,

sah des Nachbarn Superflieder,

und ich fragte mich sodann:

Wie hießen diese Blumen nur,

die ich in die Erde gab?

Später las ich auf der Tüte,

die dort auf dem Regal noch lag.

Astern!!!

Astern waren es, keine Veilchen.

Also, warte, warte noch ein Weilchen.

 

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B

L

Ü

T

E

N

Blüten - Akrostichon (Jorel; Treffen am 08. April 2016)

 

Blau

legt sich

über mein Gemüt

tief wie das Meer

endloser Hauch des Lebens

Natur

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Scheingefecht (Mainecoon; Treffen am 08. April 2016)

 

»Du bist ein falscher Fuffziger!«, schnaubte der Braune.

 

»Warum beleidigst du mich?«, fragte der Grüne. »Ich bin ein Zwanziger.«

 

»Du bist eine Blüte! Ich bin ein echter Fünfziger!«

 

»Eine Blüte ist doch was Schönes?!«

 

»Du bist falsch!«

 

»Aber nur für dich. Wenn ich geknickt werde, sieht man das nicht an meinem Papier? Wenn ich zerrissen werde, bin ich dann nicht entzwei? Wenn ich zerknittert bin, werd' ich dann nicht aussortiert?«

 

»DU BIST FALSCH! Du bist nur Papier!«

 

»Eben. Genau wie du.«

 

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Blüten (Alexander Mühlen; Treffen am 08. April 2016)

 

Sagen gibt es und auch Mythen

Grad‘ im Frühjahr kommen Zweifel

Fahr‘ ich Sonntag in die Eifel -

Nehm‘ das Picknick mit in Tüten ?

 

Höh’rer Schutz soll mich behüten

Kommt der Mai, regt sich der Teufel

Flüstert mir ins Ohr »Ich träufel

Auf Dich Nektar, frisch von Blüten.

 

Damit Du im Liebeswahne

Endlich tust, was ich erahne -

Mit 500-Euro-Scheinen

 

Deiner Liebsten Haupthaar schmücken

- nicht mit Blüten - echten Stücken

Frühling soll Euch dann vereinen …«

 

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In der 28. »Tatort«-Folge, der ersten aus Stuttgart, mit dem Titel »Stuttgarter Blüten« spielte der schwäbische Volksschauspieler und Komödiant Willy Reichert 1973 in seiner letzten Fernsehrolle einen sympathischen alten Herrn, der als Geldfälscher monatlich zwei Hundert-Mark-Scheine unters Volk brachte, die er mit der Hand gemalt hatte. Die ansonsten absolut perfekten Fälschungen zeichneten sich insbesondere dadurch aus, dass alle wunderbar gesetzte Fehler enthielten, wie zum Beispiel die Aufschrift »Hundert falsche Mark« anstelle von »Hundert deutsche Mark«, »Deutscher Fußballbund« oder »Deutsche Bundesbahn« statt »Deutsche Bundesbank«, »Wer Branntwein nachmacht« anstelle »Wer Banknoten nachmacht«. Das reale Vorbild dieses »Tatort-Blütenmalers« war wohl der Münchner Grafiker Günter Hopfinger, der kurz zuvor als »Blüten-Rembrandt« enttarnt worden war. An diese Geschichte musste ich denken, als im April 2016 in unserer Schreibwerkstatt »Blüten« als Schreib-Stichwort ausgerufen wurde. 

 

Tatort-Blüten (Herbert Reichelt; Treffen am 08. April 2016)

 

Hab in der Tasche viele Blüten,

komme aus der Druckerei,

in der die Blütenmaler wüten -

auf jedem Schein mein Konterfei.

 

Warum auch nur auf Postwertzeichen?

Warum denn nicht auf Eurogeld?

Muss Renaissance mir eben weichen.

Ich hab die Scheine doch bestellt!

 

Und wenn ich nun damit bezahle?

Bin selbst gespannt, was dann passiert.

Ob dieses künstlerisch geniale

Papiergeld etwas irritiert?

 

Im »Tatort« schrieb einmal ein Könner

auf Scheine: »Hundert falsche Mark«,

verschenkte sie als echter Gönner -

ein Fälscher so, wie man ihn mag!

 

Auch ich werd' wohl mit diesen Scheinen

den Menschen sehr viel Freude machen.

Kein Mensch lässt sich so einfach leimen -

Darauf ich selbst? - Das ist zum Lachen!

 

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Verfallsdatum (Stefanie Endemann; Treffen am 11. März 2016)

 

Es ergab sich, dass Anton in dem Tiefen des Kühlschrankes einen Yoghurt fand, der dort schon längere Zeit existiert haben mochte. Wann hatte er ihn gekauft? Er betrachtete das Stück nachdenklich und fand, nachdem er es vor seinen Augen hin-und hergedreht hatte, das Datum vom 28.12. verflossenen Jahres. Und jetzt war Februar.

 

Zwei Monate überfällig. Das Teil entstammte nun nicht gerade dem vergangenen Jahrhundert, aber doch dem vergangenen Jahre, es war eine Art Antiquität und gehörte abgelebten Zeiten an. Flüchtig überschlug Anton, was ihm von Silvester bis Karneval alles begegnet war, kurz sann er nach mit dem Yoghurt in der Hand wie ein neuer Hamlet, dann wandte er sich wieder der Gegenwart zu.

 

Ihm riet ein Vernunftimpuls, sich des durch Alter dubiosen Stückes zu entledigen. Weg, fort damit, schleunigst. Reinigung war angesagt, Befreiung.

 

Doch da meldete sich von der anderen Ebene seines Bewusstseins eine nicht weniger kräftige Stimme, sie entstammte seiner frühen Sozialisation. Anton war Nachkriegskind, und Essbares schmeißt man nicht einfach weg. Die Dinge sind nicht geschaffen worden, um sich der eigenen Schlampigkeit wegen ihrer einfach zu entledigen, sie zu entsorgen und den Würmern und Maden zu überlassen. Dafür hat die Kuh nicht ihren Euter hingehalten, dafür ist die Milch nicht abwechselnd gekühlt und erhitzt worden, nicht dafür ist das fertige Produkt hin-und hertransportiert und schließlich von sorgsamen Händen in die Kühltruhe einsortiert worden. Um es alsdann wegzuschmeißen? Um es daraufhin der Müllverbrennung zu überantworten als ein Menetekel unserer nachlässigen, leichtsinnigen, irregeleiteten Zeit. Anton hielt das plötzlich für den Gipfel des Absurden, und Reue überkam ihn wegen seiner Schlampigkeit.

 

Anton schaute sich das Teil näher an. Der Aludeckel zeigte sich straff gespannt, kein Einriss, keine verdächtige Schwellung. Das schaute solide aus. Doch was wird sein, wenn er den Aludeckel abzieht und den Inhalt freilegt. Welch grässliche, grünschimmelige, schleimige Schicht wird sich dem geekelten Blick darbieten? Sein Magen will schon bei der Phantasie in den Kopfstand, seine Rechte zuckt Richtung Mülleimer.

 

Und dennoch! Sein Finger streicht jetzt vorsichtig über die raue, straffe Oberfläche des Aludeckels, prüfend, ob irgendein verdecktes Loch Miasmen und scheußliche Gase entweichen lässt. Nase und Augen peilen wachsam. Und dann - -- Mit einer gewissen inneren moralischen Entschlossenheit greift Anton den Deckel an der Lasche und lüftet ihn behutsam. Und es enthüllt sich ihm eine friedliche, unschuldig scheinende, weißliche Oberfläche, von Molkenwasser umspült. Aussehen tut das total normal. Riechen auch, verdammt nochmal! Ermutigt nähert Anton seine Charakternase dem Objekt und schnuppert vorsichtig. Und vergleicht den Sinneseindruck damit, wie Yoghurt riechen soll.

 

Und schon ist ein anderer Konflikt in seinem Innern aufgebrochen, der zwischen dem hygienischen, kopf-und datenorientierten Zivilisations- menschen und dem Steinzeitmenschen in ihm, der seinen Sinnen folgt. Und der mahnt nachdrücklich: Nur zu, das ist gut, das ist in Ordnung. Kein Problem!

 

Und wie so oft folgt Anton kopfschüttelnd dem Primitiven.

 

Am nächsten Tag leidet Anton wider Erwarten weder unter Magen-noch unter Darmproblemen, hingegen fühlt er einen kleinen, trotzigen, moralischen Triumpf, der Wegwerf-und Müllgesellschaft ein Schnippchen geschlagen zu haben.

 

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Verfallsdatum ??? (Edith Hoffmann; Treffen am 11. März 2016)

 

Verfallsdatum, das ist nicht mein Fall

Ich schrei heraus das Wort mit lautem Schall

Und bringt das Echo es mir zurück

Dann hab ich heute noch mal Glück

 

Nun warte ich schon ein paar Stunden

Das Echo hat nicht zu mir gefunden

Wo mag es nur gelandet sein

Was fällt dem kecken Echo ein

 

Ich geb nicht auf und ruf noch mal:

»Verfallsdatum, bist du mein Fall?«

Das Wort hat mir zu wenig Poesie

Ist nichts für ein lyrisches Genie

 

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Verfall und Leben (Herbert Reichelt; Treffen am 11. März 2016)

 

So morbid sind alle Dinge,

soviel Staub allüberall,

Spinnenweb und Gläserrringe.
Oh, welch Eindruck von Verfall!!

 

Gut, hier sollt' mal jemand wischen!

Aber wann? Hab keine Zeit.
Hör schon meine Nachbarn zischen.
Kehrwoch'? Ach, ich bin das leid!

 

So lebendig alle Dinge

und Bewegung überall.
Spinnen, Motten, Silberlinge

trotzen stets noch dem Verfall.

 

Und man sieht: Bleibt man nur stur,

hilft das mancher Kreatur.

 

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Start eines Schattenspringers ins blühende Leben (Edith Hoffmann; Treffen am 11. März 2016)

 

Allüberall blüht es auf Straßen, Balkonen

Der Frühling lugt hervor aus manchem Eck

Die Kleider im Schrank wollen sich zeigen

Sie drängen vom Bügel, sie drängen sich auf

Die Menschen zeigen sich frohgemut

Streben hervor aus dunklen Räumen

Treten ein ins helle blühende Leben

 

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SOFA (Edith Hoffmann; Treffen am 11. März 2016)

 

Oma sitzt auf dem Sofa, Opa sitzt auf dem Sofa.

 

Wer noch? Mir fällt es nicht ein.

 

Ja, mei, erst muss ich euch beschreiben, wie das Sofa aussieht. Ich weiß, eigentlich hätte ich mit der Beschreibung beginnen sollen.

 

Also: Das Sofa ist bunt kariert, staubig, wenn Opa sich bewegt. Wenn er sich erhebt, sinkt Oma in der Kute ein, dann quietscht es. Opa lacht jedesmal und Oma schimpft jedesmal laut.

 

Opa holt sich ein Bier und bringt Oma einen heißen Kakao mit. Die hält den Kakao in der Hand, weil kein Tischchen vor dem Sofa steht. An der Wand hinter dem Sofa hängt ein Gemälde mit drei Hirschen, auf denen drei Engel reiten. Die Engel singen Halleluja, die Hirsche röhren heiser.

 

Also, so kam es mir als Kind vor, wenn ich Oma und Opa besuchte.

 

Was ich hier geschrieben habe, ist eine Erinnerung.

 

Heute steht das Sofa in meiner Rumpellaube und das Engelhirschbild hängt in einem Museum.

 

So berühmt waren Oma und Opa.

 

So, jetzt wisst ihr es, aus welchen Kunstkreisen ich stamme.

 

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Lehrmeisterin Natur (Mainecoon; Treffen am 12. Februar 2016)

 

Ein Schrei ließ sie nach oben schauen, ein zweiter, dritter, viele. Sie musste den Kopf weit in den Nacken legen, denn die Kraniche flogen direkt über ihr. Scheinbar waren sie sich uneins, wohin, denn der Schwarm bewegte sich zunächst in eine Richtung, drehte sich im rechten Winkel, drehte sich erneut und ein drittes Mal, bis er wieder in die Ursprungsrichtung flog – um sich erneut weiterzudrehen, zu drehen, zu drehen. Es war, als würden die Zugvögel eine horizontale Spirale fliegen, ohne voranzukommen.

 

War der Schwarm in den ersten Momenten ungeordnet, formte er sich schließlich zu einem riesigen Greifvogel, einer Schwalbe, aber nur, um kurz darauf wieder jede Formation aufzugeben. So flogen die Kraniche etwa fünf Minuten immer wieder in versetzten Kreisen, bis sie sich anscheinend auf eine Richtung geeinigt und noch ein Häuflein Versprengter aufgenommen hatten. Dann flogen sie geordnet und in einer Richtung davon.

 

Und die Frau unter ihnen erinnerte sich, wie oft auch das Leben sich scheinbar im Kreis dreht, bis es dann doch weitergeht.

 

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Ein schönes Bild (Edith Hoffmann; Treffen am 12. Februar 2016)

 

»Sieh mal, Emil, da hängt ein schönes Bild!«

»Wie bitte? Da ist ja gar nichts gemalt, das ist nur blau!«

»Emil, dieses Bild über unserem Bett, wir versinken jede Nacht im Blau.«

»Tanja, hallo, wach auf, komm zu dir, das ist nur blau und kostet sicher viel!«

»Nun hab' dich nicht so, wir haben Geld. Ich liebe dieses Bild schon mehr als alles auf der Welt!«

»Aha, mehr als mich, nun ist es raus, ich hab' verstanden. Fest steht, das Bild ist Schwachsinn und du bist auch schwachsinnig, dich in ein Nichts zu verlieben.«

»Emil, kein Nichts, ein Blau! Blau wie der Himmel, damals vor 30 Jahren, als du mir blaue Vergissmeinnicht geschenkt hast.«

»Das kannst du heute immer noch haben. Pflück' sie dir in unserem Garten!«

»Ach, Emil, Emil, wir sind so verschieden.«

»Ja, so ist es, liebste Tanja, es gibt eben verschiedene Blautöne. Und wir gehören dazu. Nun komm, lass uns gehen! Bist schon mein liebster Schatz!«

 

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ohne Titel (Maineccon; Treffen am 12. Februar 2016)

 

Wenn man einen Künstler vernichten will, lobt man sein schönes Werk.

 

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Das zerbrochene Werk (Edith Hoffmann; Treffen am 15. Januar 2016)

 

»Du, was hast du angestellt? Mein Gott, ich war doch nur eine Sekunde auf der Toilette. Hoffentlich hat es niemand gesehen in der Ausstellungshalle!«

 

Verzweifelt stürzte sich die Mutter auf ihre kleine Tochter, befühlte ihre rosigen Handinnenflächen. Erstaunt stellte sie fest, dass kein Rost an den Fingern klebte. Scheu sah sie sich um, ob wirklich kein anderer Museumsgast im Raum war. Aber da oben an der Decke, das ist eine Kamera. Panik ergriff sie erneut. Ihre Kleine blickte ängstlich auf, was hatte sie denn falsch gemacht? Wenn Mama so streng war, würde sie wieder ohne Gutenacht Geschichte ins Bett müssen.

 

»Mama, warum bist du böse?« - »Bettina, du hast das Kunstwerk kaputt gemacht. Ich habe dir doch gesagt, dass du hier nichts anfassen darfst!« - »Mama, kann man mit den Augen auch was zerbrechen?«

 

Die Mutter sah ihrer Tochter in ihre unglücklichen Augen und musste sie tröstend in die Arme schließen. Bettina kuschelte sich erleichtert an. Beide gingen weiter in die nächste Museumshalle. Beim Überwechseln in Raum 2 hörten sie hinter sich ein Gespräch.

 

»Ja, sag mal, was ist denn das hier? Haben die beiden da eben das Werk kaputt gemacht, das ist ja zerbrochen, mittendurch. Wir müssen es der Leitung sofort simsen, bevor die verschwinden können.«

 

Nun musste Frau Weinert, Bettinas Mutter, Farbe bekennen. Sie eilte ins Foyer, dort entschuldigte sie sich. Die Dame an der Kasse fragte nach dem Namen des Werkes. Den kannte Frau Weinert nicht. Inzwischen hatte die Museumsangestellte die wütende SMS des Paares über das Kunstbanausengesindel gelesen. Nun kannte sie den Namen der Skulptur und begab sich mit Mutter und Tochter nach oben.

 

Mehrmals umrundete sie das Werk mit dem Titel »Das zerbrochene Werk«. Sie stellte keinerlei Veränderungen fest. Die nette Dame neigte sich dem Mädchen zu und fragte leise: »Gefällt dir das Teil da vor dir? Was meinst du, was das ist?«

 

Bettina guckte erst ihre Mutter an, dann rief sie aus: »Das ist von Onkel Ottos Schrottplatz.«

 

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Das zerbrochene Werk (Jorel; Treffen am 15. Januar 2016)

 

Da liegst du nun,

einst lang gehegt

mit Freuden angesehen

im Herzen bewegt

ob du mein sein sollst

für immer

 

Jetzt weiß ich

Für immer

war zu lang gedacht

Unachtsamkeit

hat dich zur Strecke gebracht

 

Kantig weisen deine

einst so runden Formen

auf dein so schnödes

Innenleben

 

Das bist du also jetzt

wertlos

 

Rest von irgendwas

das geliebt werden wollte

 

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Porzellan (Jorel; Treffen am 15. Januar 2016)

 

Aus Porzellan ein Herz

traf die Träne aus Glas

und spiegelte sich

»Wie schön du bist«

sprach ein Jedes

und drehte sich wohl um und um

bis der Faden riss

an dem sie beide hingen

 

Es mischten sich die Splitter spitz

zerbrechlich

neu vereint als

Kunstwerk

 

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Leben (Jorel; Treffen am 15. Januar 2016)

 

Leben

das in meinem Herzen weiter wirkt

durch Erinnerung

an Worte, Dinge, Berührungen

Nun hast du die Augen geschlossen

Allein

Zerbrochen scheint das Werk

deines Lebens

Niemand war da deine Hand zu halten

dich zu geleiten

Auch ich nicht

 

Doch dein Werk in mir

ist nicht zerbrochen

 

Dein Lächeln wirkt fort

Bis ans Ende meiner Zeit

 

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Das zerbrochene Kunstwerk (Herbert Reichelt; Treffen am 15. Januar 2016)

oder: Scherben bringen Glück

 

Nur noch Scherben liegen da,

wo einmal ein Kunstwerk war.

Welch ein Unglück! Schade drum!

Des Künstlers Werk fiel einfach um.

 

Es sollte doch noch viele Jahre

als Augenschmaus uns Freude machen.

Jetzt taugt es nur noch für die Bahre.

Warum musst’s nur herunterkrachen?

 

Doch liegt vielleicht ein tief’rer Sinn

beim Kunstunfall in unsrer Diele.

Denn sieht man mal genauer hin:

Aus einem Kunstwerk wurden viele.

 

So fein glänzt jedes Scherbenstück.

Und nach bekannter Theorie

bringt’s obendrein noch ganz viel Glück.

Zum Glück erfährt’s der Künstler nie. 

 

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Fahrschule (Jorel; Treffen am 15. Januar 2016)

 

Lang ist es her da ging ich hin

zur Schule die das Fahren lehrt

Gequält von Zeichen und Paragraphen

konnte ich damals kaum noch schlafen

 

Im Traum fuhr ich die Autobahn

die immer genau

vor dem Hühnerstall ihr Ende nahm

Die weißen und die braunen Federn

von dem Getier flogen um mich her

 

Was für ein Alp

auch im Gelände fest angeschnallt

versuchte ich Rennen zu fahren

ohne Hände.

Ich war James Bond und Cobra 1

doch Ahnung von Gangschaltung

hatte ich keins

 

Mit Zeichen und Paragraphen

streite ich heute noch

auch wenn um Sanftheit ich bestrebt

die Straßen stets behutsam befahre

damit ich niemanden umkarre

 

Wie lang und breit mein Auto ist

mir manches Mal ein Rätsel ist

Seit eh und je trag ich ne Brille

Es war des Fahrschul -Lehrers Wille

 

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GAR NICHTS (Edith Hoffmann; Treffen am 15. Januar 2016)

 

»Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt,

denn das ist meine Welt - und sonst gar nichts.«

 

Ich seh, wie ihr die Stirne runzelt,

wie ihr verstohlen schmunzelt:

»Die meint, die wär' Marlene Dietrich,

nun, sie ist sehr alt, 's hat sie erwischt.«

 

Ja, lächle nur, mein liebes Publikum.

Ich bin noch nicht dumm,

ich bin nur klug und weise

und mich betrügt man nicht!

 

Begeb mich bald auf meine letzte Reise,

dann ist's vorbei mit meinem alten Gesicht.

Vorher sing ich noch einmal:

Sag mir das Wort, dem so gern ich hab' gelauscht,

lang, lang ist's her, lang ist's her.

 

Ja, ich WAR von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.

Das WAR meine Welt –

und sonst gar nichts??

 

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Gar nichts (Jorel; Treffen am 15. Januar 2016)

 

Gar nichts hast du in der Tasche

und auch nichts wohl im Gehirn

was soll das ganze Rätselspiel

wenn du nicht folgen kannst

auch nur dem kleinsten der Gedanken

die um dich tagtäglich schwirren

 

Gar nichts hast du je kapiert

von den Dingen die du machst

hast noch nicht einmal bemerkt

Gar nichts hat Bestand

nichts und nichts und wieder nichts

Dreh dich doch im Kreise

in jedem Fall siehst du gewiss

die Welt auf deine Weise

Bunt und schillernd rasend schnell

aber niemals wirklich

 

Bist nichts, hast nichts wieder nichts

tief in deinen Taschen

Bist die Unschuld in Person

Gaukler und auch Spieler

bist der Tänzer auf dem Eis

Rattenfänger kranker Hirne

Dealer der verrückten Träume

 

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Gar nichts (Herbert Reichelt; Treffen am 15. Januar 2016)

(oder: Hommage an Kurt Tucholsky und seinen Beitrag

zur soziologischen Philosophie der Löcher)

 

Kurt Tucholsky wusst’ es noch:

Wo ein Loch ist, ist ein Loch,

und sonst ist da gar nichts mehr.

Manchen überrascht das sehr.

 

Wenn zwei Löcher sich verbinden,

muss wohl eins davon entschwinden.

Dann gibt’s nur ein großes Loch.

Gut, du sagst: »Das wusst’ ich doch!«

 

Nur, wo geht Loch zwei dann hin?

Einfach weg? Wo läg der Sinn?

Irgendwo wird es doch bleiben

und sich dort die Zeit vertreiben.

 

All die Fragen sind nicht schlecht,

und Tucholsky hatte Recht.

Denn ich höre ihn noch sagen:

»Meine Sorgen möcht’ ich haben!«

 

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Von hinten (Edith Hoffmann; Treffen am 15. Januar 2016)

 

Als ich noch jung an Jahren

ließ ich mich gerne knipsen

Ich stellte mich in Positur

mein Angesicht war wunderschön

 

Nun, da ich alt an Jahren

geh ich lieber stibitzen

Oder ich drehe mich schnell um

denn von hinten bin ich schön

 

 

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Von hinten (Jorel; Treffen am 15. Januar 2016)

 

»Von hinten gesehen bist du ganz schön mollig dahinten.«

 

»Wie ärgerlich dass du das jetzt unbedingt bemerken musst. Wo ich doch gerade im Begriff bin, darüber nach-zudenken, mir endlich mal wieder ein neues Kleid zu gönnen.«

 

»Wieso?«, sagst du. »Ich mag deine mollige Seite.«

 

»Ja ich weiß wohl, wohin du gerne guckst«, grolle ich. »Aber in einem Kleid so eine Breitseite? Ne, ich weiß nicht.«

 

»Aber das siehst du doch gar nicht. Du siehst dich doch nur von vorne.«

 

»Klar, du Neandertaler warst ja auch noch nie in einer Damen-Umkleidekabine. Da gibt's nämlich Spiegel.«

 

»Ja und?«

 

»Na, von vorn und hinten.«

 

»Egal, ich mag dich von vorn und von hinten.«

 

»Oh Gott, oh Gott, wie komm ich aus der Nummer bloß wieder raus?«

 

»Mit Sport

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